Quality-Time mit dem Puber-Tier
Wenn der Hund nicht mehr hört

Irgendwann, etwa ab dem 6. Monat bis zum 12. Monat, schlägt sie auch beim Hund zu: Die Pubertät.

Und dann brennt - wie bei menschlichen Teenagern - die Luft. Nichts kann man mehr richtig machen. Nichts funktioniert mehr. Menschlicher wie tierischer "Teenager" entwickeln sich zum Puber-Tier. Der Hund scheint fast über Nacht sämtliche Kommandos vergessen zu haben. Und sein Benehmen erst ... Alter Schwede!

Doch, wie alles im Leben: Auch diese Phase geht irgendwann vorbei. Und beim Hund dauert sie kaum mehr als 4-8 Monate. Sowas kann man gut durchstehen.

Die Hormone tanzen Rock'n'Roll...

Bei einer Hündin kannst du den Eintritt in diese Phase leicht bemerken, weil sie das erste mal "heiß" ("läufig") wird. Blutiges Sekret tritt aus ihrer Vulva aus; und sie ist meistens auch leicht(er) reizbar.

Beim Rüden erkennst du es ebenfalls leicht: Er beginnt, beim Pinkeln das Bein zu heben und sein Schutz- und Wachtrieb nimmt erste Formen an. Viel ... nun, ... bemerkenswerter - ja, gar nicht zu übersehen - ist jedoch sein neues Verhalten: Nicht nur, dass er blind und taub zu werden und kein einziges Kommando mehr zu hören scheint; er legt sich neuerdings auch mit allem und jedem an und lässt jegliches Benehmen vermissen.

Kurz gesagt: Der Hund wird überaus anstrengend.

Plötzlich entwickelt er Ängste vor Objekten, an denen ihr schon 100 Mal problemlos vorbeigegangen seid. Plötzlich stellt er alles in Frage, was du dir jemals an Regeln einfallen lassen hast. Plötzlich interessiert er sich für das andere Geschlecht und ist kaum noch zu bremsen, wenn er nur von Weitem etwas riecht. Plötzlich lässt sein Benehmen Mensch und Tier gegenüber sehr zu wünschen übrig. Plötzlich legt er sich heute noch mit jedem und allem an ... und würde sich schon morgen am liebsten vor denselben Menschen und Dingen unter dem Bett verstecken.

Plötzlich ... ist das definitiv nicht mehr "dein Hund".

Es geht vorbei! Ziemlich schnell sogar.

Der Hund ist nun körperlich (so gut wie) ausgewachsen; aber das Hirn braucht noch etwas Zeit, um sich abschließend zu sortieren. Und genauso schlagartig, wie sie gekommen ist, verschwindet die Pubertät auch wieder: Etwa am Ende des 1. Lebensjahres (plus/minus 1-2 Monate) verschwindet sie wieder spurlos ... und für immer.

Ihr müsst also nur diese schwierige Zeit irgendwie - und das möglichst komfortabel für beide - "überleben". Das Stichwort dafür heißt: " Quality-Time"; also besonders intensive gemeinsame Zeit.

Quality-Time: Verbringt viel, sehr viel Zeit "ALLEIN zu zweit"!

In dieser Phase ist dein Hund unerträglich für jedermann. Niemand hält es mit ihm aus. Auch du nicht. Und sogar er selbst kämpft mit sich und hält es mit sich selbst kaum aus.

Also verbringt viel - wirklich sehr viel - Zeit "zu zweit allein"! Sucht euch einsame Orte. Geht dort spazieren. Spielt gemeinsame(!) Spiele. Tobt gemeinsam(!) über die Wiese. Jagt gemeinsam(!) dem Ball hinterher.

Denke daran, dass du deinem Hund vieles "noch einmal" zeigen musst; weil er plötzlich Ängste entwickelt, wo vorher nie welche da waren. Selbst ein Blatt, Plastiktüten oder stillstehende Hydranten können deinem Hund jetzt gewaltige Angst einjagen. Und obwohl er sich eben noch zitternd vor einem Schatten hinter dir versteckte; prescht er schon in der nächsten Sekunde todesmutig auf ein fahrendes Auto zu, um es wütend zu vertreiben.

Rechne mit ALLEM! Sei auf ALLES vorbereitet! Führe ihn in deiner Welt herum. Nur du und dein Hund.

Zeige ihm all die großen und kleinen, wunderlichen, spannenden, bemerkenswerten und ganz alltäglichen Dinge; als ob du sie das erste Mal zeigen würdest. Nimm seine Ängste ernst und hilf ihm, sie zu überwinden! Und toleriere seine Gefühlsausbrüche, ganz besonders, wenn sie überraschend kommen.

Aber bleibe konsequent und geduldig!

Nutzt diese Phase für euch beide! Das stärkt zwar nicht den Gehorsam; aber es festigt euer gemeinsames Band. Und das wirst du ganz besonders am Ende dieser Lebensphase deines Hundes zu schätzen wissen.

Gehorsam? Vergiss es!

In dieser Zeit kannst du dich auf NICHTS verlassen, wenn es deinen Hund betrifft. Schon gar nicht darauf, dass er auf Kommando irgendwas macht; geschweige denn zu dir kommt.

Deshalb ist es wirklich das Beste für deinen Hund und dich, wenn du ihn jetzt nur noch kontrolliert ableinst. Also nur dort, wo du räumlich sicherstellen kannst, dass er nicht irgendwelchen groben Unfug anrichten kann. Selbst die Hundewiese, auf der ihr schon 100 Mal wart, kann leicht zum Problem werden, wenn dein Hund es in einer Auseinandersetzung mit anderen Hunden übertreibt.

Eine Schleppleine, also eine Leine von 10, 15, 20 oder noch mehr Metern Länge, wird dir in dieser Zeit sehr gute Dienste leisten können: Dein Hund kann sich trotzdem einigermaßen austoben. Aber du hast immer den Not-Anker der Leine; falls er völlig am Rad dreht.

Erziehung & Training? Trotz aller scheinbaren Misserfolge: Wichtig!

Obwohl dein Hund in dieser Zeit extrem unkonzentriert ist und praktisch alles vergessen zu haben scheint, was du ihm jemals beigebracht hast: Setze die Erziehung und das Training konsequent fort!

Du wirst in dieser Zeit mit an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit gar keine Fortschritte machen und stattdessen unter den scheinbar massiven Rückschritten leiden. An einen sicheren Abruf ist nicht zu denken; noch nicht einmal » Sitz!« wird jetzt immer klappen.

Doch wenn du den Hund jetzt aufgibst, machst du es ihm nur schwerer, aus dieser Phase wieder sicher herauszukommen. Ihr werdet dann ganz besonders am Ende der Phase MASSIVE Sprünge erleben: Eben noch klappt ein Kommando und du beginnst, wieder Vertrauen in den Hund zu entwickeln; und - *zack!* - im nächsten Moment hat er wieder alles vergessen; nur, um weitere 5 Minuten später wieder der liebste Hund der Welt zu sein.

Diesen Ausstieg aus dem Hormon-Rausch kannst du deinem Hund erleichtern, indem du auch in dieser Rotzlöffel-Phase konsequent, geduldig und diszipliniert bleibst. Selbst - und gerade - dann, wenn dein Hund mal wieder in kürzester Zeit die 50. Wiederholung als Erinnerung braucht ... und trotzdem nicht hört.

Es ist auch eine wichtige Phase für dich selbst!

Betrachte diese Zeit vor allem als Selbstoptimierungs-Phase! Für dich selbst!

Lerne, Geduld zu haben! Lerne, konsequent zu bleiben! Lerne, dominanter aufzutreten! Lerne, selbstbewusster zu werden! Nicht lauter. Sondern klarer. Nicht hektischer. Sondern deutlicher. Nicht böser. Sondern geduldig und konsequent fordernd.

Und erfreue dich an deinen kleinen Erfolgen hier und da; denn auch in dieser Phase ist dein Hund durchaus ... nun, sagen wir, ... tendenziell bereit, sich unterzuordnen. Er braucht aber NOCH KLARERE Ansagen. (Und du brauchst das Bewusstsein, dass selbst das diese Zeit nur "besser" aber nicht "gut" macht.)

Die Ruhe, die Geduld, die Dominanz und das Selbstbewusstsein, die du dir in dieser Phase zueigen machst und bis an die Kotzgrenze selbst üben kannst und wirst, sind die beste Grundlage für dich und deinen Hund:

Es hilft ihm, aus der Pubertät aus- und endgültig in das Erwachsenenleben einzutreten. Es bietet ihm am Ende der Pubertät genau die Haltegriffe, die er dann dringend benötigt. Und es gibt dir die Möglichkeit, ein souveräner und gelassener Rudelführer zu werden. Denn wenn du diese Phase gut meisterst, wird der Rest fast schon ein Sonntagsspaziergang.