Begrüßung & Verabschiedung

Praktisch jeden Tag kommen wir in Situationen, dass wir ohne unseren Hund losziehen. Zum Einkaufen, zur Post, zur Arbeit, ...

Hunde sind jedoch sehr soziale Rudel-Tiere. Für sie ist es völlig unnatürlich, sich allzu weit oder allzu lange (also mehr als ein paar Minuten) vom gemeinsamen Rudel zu entfernen.

Die Frage lautet also: "Wie verhalten wir uns bei Begrüßung und Verabschiedung 'hunde-gerecht'?" Und die Antwort ist ebenso einfach wie - aus unserer menschlichen Sicht - "unnatürlich":

GAR NICHT

Weder verabschieden wir uns von unserem Hund; noch begrüßen wir den Hund bei unserer Rückkehr.

Stattdessen geben wir unserem Hund genau das Gefühl, das er braucht: Unsere Entfernung aus dem Rudel ist etwas vollkommen normales, das keinerlei Beachtung oder gar Ritual verdient.

Ein bisschen Hintergrund-Wissen...

Wie gesagt: Hunde sind sehr soziale Rudel-Tiere. Für sie ist es völlig natürlich, alles gemeinsam zu machen. Und Hunde bauen eine starke Bindung zu ihrer bzw. ihren menschlichen Bezugspersonen auf. Dafür werden sie seit Jahrtausenden gezüchtet.

Jedes einzelne Mal, wenn nun eine oder sogar alle ihre engen Bezugspersonen verschwinden, leidet der Hund unter Isolations- bzw. Verlassens-Ängsten. Dabei reicht die Angst von einer einfachen Isolations-Angst bis zur Verlassens-Angst samt der dazugehörigen Panik-Attacken.

Panik-Attacke Stelle dir vor, du stehst auf einem 100 Meter hohen Gebäude. Ganz an der Kante. Ohne Haltegriff. Ohne Sicherung. Du guckst runter, und du weißt: Ein einziger Windstoß; nur ein kleines bisschen Wackeln ... und du wirst fallen und unten aufschlagen.

Doch du kannst nicht einfach einen Schritt zurück. Du stehst da. Und du musst es durchmachen. Stundenlang. Bis jemand kommt und dich abholt. Doch wann - und ob überhaupt - das geschehen wird, weißt du nicht...

Auf diese Weise regelt die Natur über die Instinkte den Nutzwert des Rudel-Mitglieds für die Gemeinschaft: »Bleibt schön zusammen! Dann könnt ihr einander nützlich sein.«

Verlassens-Ängste sind Panik-Attacken mit Todesangst! Herzrasen, kalter Schweiß, Zittern, Atembeschwerden, Beklemmungsgefühl, Hitzewallungen, Übelkeit, ... Todesangst.

Warum Verlassensängste? Sie sind praktisch die andere Seite der Medaille der Bindung an den Menschen. Je weiter dein Hund sich von dir entfernt, desto größer wird diese Angst. Irgendwann ist sie so groß, dass sie deinen Hund wie ein Gummiband zu dir zurückzieht. Dein Hund dreht freiwillig um und kehrt zu dir zurück, um sich zu vergewissern, dass du noch da bist.

Wie sieht ein Hund also die Verabschiedung?

Wenn wir uns nun von unserem Hund verabschieden, ihn liebkosen und ihm erzählen: "Die Mama geht jetzt weg. Zur Arbeit. Aber sie kommt in 6, 7 oder 8 Stunden wieder. Mach dir keine Sorgen und sei artig!" ...

... dann hört der Hund:

»Tja, du bist bei den anstehenden Aktivitäten leider völlig unnütz und nur Ballast für mich! Du kannst dem Rudel nicht nutzen. Daher lasse ich dich jetzt zurück. Vielleicht komme ich in ein paar Stunden oder ein paar Tagen zurück. Vielleicht aber auch nicht. Das überlege ich mir später. ... also falls ich überhaupt zu dir zurück finde. ... Und falls nicht: Stirb einfach! Oder verpiss dich. Ist mir egal.«

Es ist wohl ziemlich verständlich, dass sowas den Hund in helle Angst und Panik versetzt, nicht wahr?! Und mit jeder Minute, die du nun wegbleibst, verstärkt sich bei deinem Hund das Gefühl: "Es ist wahr! Sie hat mich verlassen! Sie wird nie wiederkommen."

Ja, aber die Begrüßung?! ... Freut sich mein Hund denn nicht sichtbar darüber?

Natürlich freut sich dein Hund, wenn du zurückkommst. Er freut sich geradezu ein Loch in den Bauch.

Denn DIESES MAL hast du ihn nicht verlassen. DIESES MAL wurde er nicht zum Sterben zurückgelassen. DIESES MAL ist alles gut gegangen.

Doch weil das (stundenlange) "Verlassen-werden" aus der Sicht deines Hundes völlig unnatürlich ist, bleibt es für ihn ein sehr schmerzlicher Lernprozess, den du umso schmerzhafter machst, je heftiger dein Begrüßungsritual ausfällt.

Er weiß nicht, dass du hier "wohnst" und selbst dann immer zurückkommen würdest, wenn er fortliefe. Er kennt das Konzept von "festen Wohnungen" nicht. Ja, er kennt "Reviere". Doch das sind "JAGD-Besitztümer", die durchaus viele, viele Hektar umfassen können. Wo man sich darin gerade aufhält, wird durch das jagdbare Wild, die Feinde und die Konkurrenten bestimmt. Nicht durch einen von Steinen ummauerten Raum...

Dein Hund freut sich über deine Rückkehr, weil es bedeutet, dass er DIESES MAL doch nicht ausgesetzt und vom Rudel verstoßen wurde.

Wie verabschieden & begrüßen sich Hunde denn untereinander?

Die Antwort ist simpel: Weder verabschieden sie sich, noch begrüßen sie sich untereinander.

Hunde entfernen sich niemals absichtlich allzu weit vom eigenen Rudel. Insofern brauchen sie sich auch nicht zu verabschieden.

Und "Begrüßungen" finden nur insofern statt, als die Zurückgebliebenen den neuesten Klatsch & Tratsch erfahren wollen: Was gibt's Interessantes, da, wo du warst? Gibt's da was zu Essen? Bist du Fremden begegnet? Könnten die Fremden eine Gefahr fürs Rudel werden? Und überhaupt: Geht's dir gut? Bist du gesund? ... Sowas wollen Hunde vom Rückkehrer erfahren.

Und deshalb "beschnüffeln" sie sich gegenseitig.

Doch all das findet in völliger Ruhe statt. Keine Aufregung. Keine Affekt-Handlungen. Kein Gebelle. Kein Krach. Keine hektischen Bewegungen. Man läuft entspannt aufeinander zu, bleibt still stehen und "beschnüffelt" sich gegenseitig...

Okay, wie verabschiede ich mich also richtig? Wie begrüße ich meinen Hund richtig?

GAR. NICHT.

Weder solltest du dich von deinem Hund verabschieden. Noch solltest du deinen Hund bei deiner Rückkehr überhaupt beachten.

Je "normaler" und selbstverständlicher es ist, dass du gehst und wiederkommst, desto leichter lernt dein Hund, dass es keinerlei Besonderheit ist, wenn du mal für eine Weile verschwunden bist.

Stattdessen lernt er durch ebendiese völlige Entspanntheit genau das: "Alles ist cool. Kein Grund zur Aufregung."

Und GENAU DAS ist doch für uns alle - also für dich, deine Nachbarn und deinen Hund - der perfekte Zustand, nicht wahr?!

So wirklich GAR NICHT? Nicht mal ein bisschen verabschieden oder begrüßen?

Nein! GAR. NICHT.

Je normaler es ist, dass du gehst und wiederkommst, desto leichter lernt und versteht dein Hund, dass Weggehen IMMER bedeutet, dass du auch wiederkommst.

"Verabschiedungen" bedeuten aus Hundesicht IMMER, dass mindestens ein gewisses Risiko besteht, dass du NICHT ZURÜCKKOMMEN wirst. Deshalb bedeutet eine Verabschiedung IMMER SCHMERZ für deinen Hund. Selbst dann, wenn er irgendwann gelernt hat, diesen Schmerz still zu ertragen.

Verabschiedest du dich hingegen gar nicht, bedeutet das für deinen Hund, dass du absolut nicht planst oder auch nur darüber nachdenkst, ihn zu verlassen.

Dasselbe gilt für Begrüßungen: Wer nicht weg war, muss auch nicht "Hallo, da bin ich wieder!" sagen. Je weniger du deinen Hund also begrüßt, desto stärker ist sein Gefühl, dass du gar nicht (weit) weg warst.

NIEMALS VERABSCHIEDEN! Auch nicht "ein bisschen"! Wenn du weggehst, gib deinem Hund das Gefühl, dass du eigentlich nur außer Sicht- und Hörweite, aber trotzdem ganz nahe bist.

NIEMALS BEGRÜẞEN! Auch nicht "ein bisschen"! Wer nicht weg war, der muss auch nicht "Hallo!" sagen. Das bedeutet: "Eigentlich war ich nur um die Ecke. Also ganz nahe bei dir. Auch, wenn du mich nicht gesehen und gehört hast."

Noch einmal: KEINE. VERABSCHIEDUNG. KEINE.BEGRÜẞUNG.

Du willst zur Arbeit, zum Arzt, zum Einkaufen gehen? Dann gehe! Beachte deinen Hund gar nicht. Gehe einfach, ohne die geringste Aufmerksamkeit für deinen Hund. So zeigst du ihm: "Wer nicht wirklich weg ist, der braucht sich auch nicht zu verabschieden. Es gibt also keinen Grund zur Sorge, wenn du mich jetzt eine Weile nicht siehst und hörst."

Du kommst zurück? Dann komme! Beachte deinen Hund gar nicht. Je weniger du deinen Hund jetzt beachtest, desto deutlicher sagst du ihm: "Was willst du? Ich war eigentlich gar nicht weit weg. Nur um die Ecke. Und da gibt's nix Interessantes."

Je weniger Wind du um Verabschiedung und Begrüßung machst, desto weniger Sorgen macht sich dein Hund um sich selbst und um dich.

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