Übung 4: Wir gehen mit dem Besuch ins Wohnzimmer

Diese Übung ist der erste Schritt unserer Trainings-Serie "Ach du Scheiße! Wir bekommen Besuch!"

In der ersten Übung (Übung 1: Es klingelt an der Tür!) haben wir erreicht, dass unser Hund nicht mehr wie angestochen zur Tür sprintet, wenn es klingelt. In der zweiten Übung (Übung 2: Wir öffnen die Tür) haben wir erreicht, dass wir auch die Tür öffnen können, ohne dass der Hund aufdreht. Und in der dritten Übung (Übung 3: Wir lassen den Besuch herein) haben wir es geschafft, den Besuch bis in den Flur zu lassen, ohne dass der Hund durchdreht.

Das war anstrengend; gerade die Übung 3. Aber wir haben den wichtigsten - und schwierigsten - Teil schon hinter uns. Was noch bleibt, ist, unseren Besuch ins Wohnzimmer zu bringen.

Dabei gilt wie immer: Nur Ruhe und Geduld helfen uns weiter. Und der Hund wird weder gelobt, noch bestraft. Stattdessen werden wir ihn auch in dieser Übung weitgehend ignorieren und selbst herausfinden lassen, was er machen sollte.

Schritt für Schritt zum Erfolg

Nimm dir für jeden Schritt die Zeit, die du und dein Hund brauchen. Es kann durchaus mehrere Tage dauern, bis sich der Erfolg einstellt. Doch je sicherer jeder Schritt funktioniert, desto einfacher machst du es dir und deinem Hund; und desto schneller kannst du die nächsten Übungen hinter dich bringen.

Vieles von dem, was ihr beide hier übt, hilft dem Hund auch in anderen Situationen ruhiger zu werden. Deshalb gib ihm die Zeit, es wirklich zu begreifen; bevor du mit dem nächsten Schritt weitermachst.

Und erneut haben wir eine gute Übung, die wir auch für andere Situationen benutzen können. Mehr noch: Das sollte eigentlich das NORMALE VERHALTEN anderer Menschen gegenüber unserem Hund sein. ALLER Menschen. Fremde genauso, wie Bekannte, Freunde und Familie.

Je ruhiger wir, als Menschen, mit dem Hund umgehen, desto weniger Grund hat der Hund, sich aufzuregen. Und im Regelfall kennt nur der Halter selbst seinen Hund gut genug, um einschätzen zu können, ob der Hund ruhig genug ist, um bei zunehmender Aufmerksamkeit nicht unnötig aufzudrehen.

Die wichtigsten Vorarbeiten für diesen Schritt haben wir in der Übung 3: "Wir lassen den Besuch herein" erledigt. Der Hund sollte jetzt ziemlich ruhig sein, obwohl unser Besuch im Flur steht.

Also gehen wir jetzt - immer noch ruhig, selbstsicher und OHNE DEN HUND ZU BEACHTEN - ins Wohnzimmer.

Der Besuch beachtet den Hund immer noch nicht! Ganz egal, was der Hund macht: Für den Besuch ist der Hund Luft. Du - und NUR DU - kontrollierst den Hund.

Wichtig! Je besser die vorangegangenen Übungen sitzen, desto schneller wird es jetzt gehen. Fange also nicht zu früh mit dieser Übung an!

Im Wohnzimmer angekommen, setzen wir uns und machen, was man halt so mit Besuch macht: Wir reden, wir gestikulieren, wir stehen auf und kochen Kaffee, ...

Der Besuch beachtet den Hund IMMER NOCH NICHT. ... und der Hund wird zusehens ruhiger, nicht wahr?! ;)

Auch für dich gilt: Je weniger du dem Hund Aufmerksamkeit schenken musst, desto schneller wird er sich beruhigen. Reduziere also deine Interaktion mit deinem Hund auf das allernotwendigste Minimum. Darüber hinaus ignoriere deinen Hund komplett; ganz egal, was er macht.

Unser Hund ist super-ruhig? Er liegt irgendwo herum; wartet wenigstens geduldig auf seinen Auftritt? Dann - und ERST DANN - darf auch der Besuch den Hund begrüßen.

Dabei gilt dieselbe Regel, wie schon die ganze andere Zeit: Sobald der Hund Anzeichen zusätzlicher Aufregung zeigt, werden wir ruhiger, zurückhaltender und leiser. Reicht das nicht, beenden wir die Interaktion mit dem Hund und ignorieren ihn, bis er sich wieder beruhigt hat.

Und natürlich wird der Hund auch nicht gerufen! Entweder kommt er allein; oder er wird weiterhin ignoriert.

  1. Hund anschauen
    Jetzt schaut der Besuch den Hund zum ersten Mal seit dem Betreten der Wohnung direkt an. Nichts anderes. Nur kurz anschauen. Zeigt der Hund Anzeichen zunehmender Unruhe, schaut der Besuch sofort wieder weg und ignoriert den Hund.
  2. Hund anfassen: Nur Hand auflegen
    Klappt das kurze direkte Anschauen, ohne dass der Hund aufdreht, kann der Besuch den Hund jetzt auch anfassen. Am Anfang erst einmal nur die Hand auf den Rücken des Hundes (am besten nahe am Halsansatz) legen. Dort einfach stillhalten und abwarten.
  3. Hund anfassen: Sanft streicheln
    Lässt der Hund das "Hand Auflegen" zu, ohne sich zusätzlich aufzuschaukeln, darf der Besuch den Hund nun auch sanft streicheln. Sanft! SANFT! Kein "Ausklopfen", sondern sanft über Nacken und Rücken streicheln.
  4. Hund leise ansprechen
    Klappt auch das Streicheln, darf der Besuch LEISE mit dem Hund reden. Doch leise und zurückhaltend. Kein "Cheerleading" von wegen "Na?! Wer ist denn da?! Komm mal her! Na komm mal her!"

Und wie bei allen Übungen und Teilschritten gilt auch für den Besuch: Klappt ein Schritt nicht, geht's umgehend einen oder zwei Schritte zurück. Unter keinen Umständen wollen wir jetzt noch, dass der Hund sich auf den letzten Metern unserer Übungen aufschaukelt. Wir haben lange genug gebraucht, ihn bis zu diesem Punkt ruhig zu bekommen.

Geschafft!

Wir haben einen Hund, der nicht mehr durchdreht, wenn es klingelt. Wir haben einen Hund, der akzeptiert, dass wir unseren Besuch zuerst begrüßen. Wir haben einen Hund, der geduldig wartet, bis auch er mit der Begrüßung dran ist.

Dreht der Hund bei einem Schritt allzu sehr auf, hast du ihm im vorangegangenen Schritt nicht genug Zeit gegeben, es wirklich zu begreifen. Kehre dann zum vorherigen Schritt zurück. Das spart euch beiden am Ende viel Zeit und Nerven.

Grundsätzliches Verhalten

Das, was wir jetzt so mühsam in vier großen Übungen und unzähligen Teilschritten trainiert haben, ist von jetzt an unser grundsätzliches Verhalten beim Umgang mit anderen Menschen im Beisein unseres Hundes:

  • Der Hund bekommt immer als Letzter Aufmerksamkeit!
    Dein Hund möchte natürlich Aufmerksamkeit haben. Und er soll sie auch bekommen. Doch immer als Letzter. Selbst Aufmerksamkeit für Korrekturen solltest du deshalb auf das allernotwendigste Minimum beschränken.
  • Der Hund bekommt nur Aufmerksamkeit, wenn er ruhig und entspannt ist!
    Für deinen Hund ist Aufmerksamkeit eine Belohnung. Überlege dir also sehr genau, welches Verhalten du belohnen willst!
  • Andere Menschen ignorieren den Hund, bis du ihnen anderes sagst.
    Du kennst deinen Hund besser als alle anderen. Und du wirst es nur zulassen, wenn dein Hund mit der Aufmerksamkeit belohnt werden kann, darf und soll. Bis dahin gilt für die anderen Menschen: Nicht ansprechen! Nicht anfassen! Nicht anschauen!