Übung 1: Es klingelt an der Tür!

Diese Übung ist der erste Schritt unserer Trainings-Serie "Ach du Scheiße! Wir bekommen Besuch!"

Dabei handelt es sich um eine sogenannte Desensibilisierungs-Übung. Wir wollen also erreichen, dass unser Hund das Klingeln an der Tür nicht mehr als Startsignal für seine Randale betrachtet.

Tatsächlich ist das eine sehr chillige Übung, die wir größtenteils vom Sofa beim Fernsehen absolvieren können. Erst gegen Ende des Übungskomplexes müssen wir uns ab und zu ein Bier holen gehen...

Schritt für Schritt zum Erfolg

Nimm dir für jeden Schritt die Zeit, die du und dein Hund brauchen. Es kann durchaus mehrere Tage dauern, bis sich der Erfolg einstellt. Doch je sicherer jeder Schritt funktioniert, desto einfacher machst du es dir und deinem Hund; und desto schneller kannst du die nächsten Übungen hinter dich bringen.

Vieles von dem, was ihr beide hier übt, hilft dem Hund auch in anderen Situationen ruhiger zu werden. Deshalb gib ihm die Zeit, es wirklich zu begreifen; bevor du mit dem nächsten Schritt weitermachst.

Am Ende dieser Übung wollen wir folgende Ziele erreicht haben:

  1. Unser Hund reagiert (fast) gar nicht mehr auf die Klingel.
  2. Zumindest rennt er nicht wie angestochen zur Tür.
  3. Je weniger Aufregung er beim Klingeln zeigt, desto besser.

Grundsätzlich kannst du hier so lange trainieren, bis dein Hund gar nicht mehr auf das Klingeln reagiert. Aber wenn er nicht mehr gleich wie angestochen losrennt, ist das schon ein akzeptabler Erfolg für diesen Übungsschritt.

Je ruhiger und entspannter der Hund auf das Klingeln an der Tür reagiert, desto schneller werden wir die drei folgenden Übungen abschließen können.

Diese Übung kannst du leicht abwandeln und zu den verschiedensten Zwecken verwenden. Beispielsweise kannst du deinen Hund so auch auf das Öffnen und Schließen der Wohnungstür desensibilisieren, oder ... oder ... oder ...

Für diese Übung brauchen wir idealerweise zwei Handys. Dabei wollen wir das eine Handy vom anderen anrufen.

Auf dem ersten Handy nehmen wir nun den Klingelton unserer Wohnungsklingel auf. Dann stellen wir diesen Klingelton als den Klingelton unseres Handys ein; so dass es wie unsere Wohnungsklingel klingt, wenn wir dieses Handy anrufen.

Dann legen wir das Handy oben auf den Türrahmen der Wohnungstür ... oder halt dorthin, wo bei euch die Klingel hängt. Es muss nicht der exakte Ort sein; aber es sollte auch nicht allzu weit davon entfernt sein.

Vorbereitung erledigt? Dann kann es losgehen: Wir setzen uns entspannt aufs Sofa. Film schauen, whatsappen, ein Buch lesen, whatsoever ... mache einfach, was immer du machen möchtest. Aber ignoriere den Hund komplett! Ganz egal, was er macht.

Warte, bis der Hund entspannt herumliegt und vielleicht sogar einpennt.

Sobald unser Hund entspannt ist, rufen wir das andere Handy an. Unser Hund soll glauben, es klingelt an der Tür. Auch jetzt beachten wir den Hund überhaupt nicht. Wir reagieren einfach gar nicht und lassen es eine Weile klingeln.

Unser Hund rennt zur Tür? Lass ihn! Unser Hund bleibt liegen? Stimmt irgendwas nicht? Er rennt doch sonst jedes Mal zur Tür, oder?! Ist der Klingelton falsch? Zu leise, vielleicht?

Der Hund stürmt zur Tür und kläfft dort herum? Gut so! Lass ihn! Ignoriere ihn! Mache einfach weiter mit dem, was du gerade getan hast. Tue so, als würde es gar nicht klingeln.

Nach ca. 30 Sekunden kannst du auflegen. Und immer noch wird der Hund komplett ignoriert. Kein Wort. Kein Blick. Keine Geste. Er existiert nicht, ganz egal, was er macht.

Sobald das Klingeln aufhört, beginnt auch dein Hund sich wieder zu beruhigen. Anfangs wird er noch sehr irritiert sein, dass nicht das passiert, was sonst immer passiert. Aber das legt sich mit der Zahl der Wiederholungen sehr schnell. ... er lernt gerade neues Verhalten.

Während wir warten, beachten wir den Hund nicht. Kein Wort. Kein Ton. Keine Geste. Kein Blick. Der Hund existiert einfach nicht.

Nach einer Weile wird der Hund aus dem Flur zurückkehren und sich entspannen. Wir warten darauf, dass er wirklich maximal entspannt ist. Idealerweise legt er sich also irgendwann hin und döst langsam weg. Das kann anfangs durchaus gute 5-10 Minuten dauern. Aber es wird im Laufe der Zeit immer schneller gehen.

Sollte dein Hund super-krass aufdrehen, kannst du es am Anfang dieser Übungen auch schnell hintereinander "klingeln lassen". Warte aber trotzdem wenigstens darauf, dass dein Hund aus dem Flur zurückkommt. So erhöhst du den Lerneffekt deutlich.

Damit haben wir den ersten Durchlauf dieser Übung erfolgreich absolviert. Das wiederholen wir jetzt so oft, bis unser Hund nicht mehr so heftig auf das Klingeln reagiert.

Im Idealfall wiederholen wir diese Übung so lange, bis der Hund gar keine Lust mehr hat, beim Klingeln an die Tür zu stürmen. Das geht sogar schneller als du jetzt vielleicht noch glaubst. Wichtig ist nur, dass es dem Hund super-langweilig gemacht wird: "Es klingelt? Ja?! Und?! Herrchen/Frauchen schaut ja nicht mal auf; von 'geht zur Tür' keine Rede. Warum sollte ich jetzt also sinnlos Energie verschwenden?"

Diese Übung ist erfolgreich abgeschlossen, wenn ...

  • Es kann klingeln, wann und solange es will.
  • Unser Hund rennt nicht mehr völlig aufgedreht zur Tür.
  • Perfekt wäre es, wenn er sich gar nicht mehr für die Klingel interessiert

Wie immer gilt: Wir brauchen keine Perfektion. Aber je besser wir diesen Schritt üben, desto schneller können wir die anderen Schritte absolvieren. Denn unser Hund lernt hier ganz nebenbei eine weitere, viel allgemeinere Lektion: "Macht Herrchen/Frauchen nix, brauche ich gar nicht erst anfangen."

Bisher haben wir uns überhaupt nicht bewegt, wenn es "an der Tür klingelte". Das klappt auch super; unser Hund hat den ersten Schritt gemeistert.

Nun verschärfen wir die Bedingungen: Wir lassen es wieder klingeln, doch dieses Mal stehen wir - vielleicht - auf ... und bewegen uns ein bisschen. Doch dabei gilt: Der Hund bleibt Luft! Wir ignorieren ihn komplett.

Und wir stehen auch nicht jedes Mal auf, sondern bleiben völlig unberechenbar: Mal lassen wir es zwischendurch einmal klingeln, ohne dass wir aufstehen; mal lassen wir es zwischendurch zwei, drei oder auch fünf Mal klingeln. Der Hund darf keinerlei Zusammenhang zwischen Klingeln und Aufstehen herstellen können.

Anfangs wird das wie ein Rückschlag aussehen: War der Hund eben noch chillig, solange wir uns nicht bewegten; dreht er nun erneut auf und rennt zur Tür. Doch das ist okay. Schließlich glaubt er ja, dass nun aber wirklich etwas passiert.

Und genau das wollen wir jetzt auch. Wir wollen ihn durchaus glauben lassen, dass es gleich Action gibt. Also stehen wir auf, machen irgendwas ... und setzen uns wieder hin.

Auch diesen Schritt muss der Hund lernen: "Aufstehen bedeutet noch lange nicht 'Action'?" Und es ist für unseren Hund eine wichtige Lektion, die er auch von ganz allein in vielen anderen Situationen anwenden wird, sobald er es einmal begriffen hat.

Also: Kein Rückschritt! Im Gegenteil! Es ist Teil des Trainings. Und der Hund braucht seine Zeit, bis er auch diesen Schritt verstanden hat.

Das Aufstehen & Hinsetzen klappt bereits gut? Der Hund schaut zwar noch auf und wartet gespannt ab, was wir jetzt machen; aber er dreht zumindest nicht mehr voll auf? Gut so!

Dann wandern wir jetzt beim Klingeln ein bisschen in der Wohnung herum. Anfangs gehen wir vom Flur weg; beispielsweise auf den Balkon, die Terrasse oder in die Küche. Später gehen wir durchaus auch in den Flur. Auch hier erst einmal nicht direkt zur Wohnungstür, sondern irgendwo anders hin.

Mit fortschreitendem Erfolg nähern wir uns immer mehr der Wohnungstür an.

Mit dem "Herumwandern" provozieren wir natürlich den Hund: "Jetzt! Jetzt! Aber jetzt wirklich!", denkt er jedes Mal, wenn wir uns erheben und uns bewegen; ganz besonders, wenn wir eeeeeendlich tatsächlich zur Tür gehen.

Irgendwann wird der Hund also deine Bewegungen als Signal zum "Jetzt geht's los!" interpretieren. Sobald er das macht, kehrst du einfach zu deinem Sitzplatz zurück, setzt dich und ignorierst die Umwelt wieder komplett.

Dabei musst du keineswegs zu deinem Platz stürmen. Tue einfach so, als wäre der Hund gar nicht da, es würde überhaupt nicht klingeln, und du wolltest dich sowieso gerade wieder hinsetzen.

Wir haben das Ziel für Schritt 2 erreicht, wenn ...

  • Wir können beim Klingeln jederzeit aufstehen und uns frei bewegen.
  • Unser Hund rennt nicht mehr völlig aufgedreht zur Tür.
  • Perfekt wäre es, wenn er sich gar nicht mehr für die Klingel interessiert

Wie immer gilt: Wir brauchen keine Perfektion. Aber je besser wir diesen Schritt üben, desto schneller können wir die anderen Schritte absolvieren.

Es klingelt und wir können aufstehen und in der Wohnung herumlaufen, ohne dass der Hund allzu aufgeregt zur Tür springt? Er bleibt sogar liegen oder sitzen; auch, wenn er uns natürlich angespannt anschaut, was wir gleich tun werden, wo es doch an der Tür klingelt? Perfekt!

Nun lassen wir es klingeln, stehen auf und ... gehen wirklich zur Wohnungstür. Doch wir bleiben einfach davor stehen, warten kurz und machen dann die Klingel aus. Das wiederholen wir so oft, bis der Hund auch davon gelangweilt ist: "Wie jetzt? Es klingelt; und alles, was passiert ist: Herrchen/Frauchen geht zur Tür?!"

Auch dabei wird es scheinbare Rückschläge geben. Doch das sind keine. Im Gegenteil: Unser Hund lernt gerade den nächsten Schritt dieser Übung. Und auch dafür braucht er ein bisschen Zeit.

Wir haben das Ziel erreicht, wenn ...

  • Wir können beim Klingeln jederzeit aufstehen und zur Wohnungstür gehen.
  • Unser Hund rennt nicht mehr völlig aufgedreht zur Tür.
  • Perfekt wäre es, wenn er sich gar nicht mehr für die Klingel interessiert

Wie immer gilt: Wir brauchen keine Perfektion. Aber je besser wir diesen Schritt üben, desto schneller können wir die anderen Schritte absolvieren.

Dreht der Hund bei einem Schritt allzu sehr auf, hast du ihm im vorangegangenen Schritt nicht genug Zeit gegeben, es wirklich zu begreifen. Kehre dann zum vorherigen Schritt zurück. Das spart euch beiden am Ende viel Zeit und Nerven.

Der Hund wird nicht beachtet!

Die besten Erfolge erreichst du, wenn du es dem Hund so langweilig wie möglich machst. Deshalb bekommt der Hund bei der gesamten Übung überhaupt keine Beachtung. Kein Wort. Keine Geste. Noch nicht einmal anschauen. Der Hund existiert einfach nicht.

Natürlich musst du groben Unfug verhindern; etwa, dass er irgendwas runterreißt oder kaputt macht. Aber wirklich erfolgreich ist es nur, wenn es dir gelingt, den Hund überhaupt nicht zu beachten. Beschränke dich daher auf das Allernotwendigste, um deinen Hund vom Unfug abzubringen. Danach ignoriere ihn sofort wieder komplett.

Lasse ihn toben, wenn er will. Lasse ihn kläffen, wenn er muss. Er WIRD sich von allein beruhigen. Anfangs langsamer; später jedoch immer schneller. Und je langweiliger es ist, desto schneller wird er diese Lektion lernen.

KEINESFALLS LOBEN! Es mag sein, dass du versucht bist, deinen Hund zu loben, wenn er sich richtig verhält. Das wäre auch normal und okay. Doch die Gefahr, dass du seinen Aufregungszustand falsch abschätzt, ist zu groß. Und Lob zur falschen Zeit ist sehr viel schlechter als gar kein Lob! Das kann euch im unglücklichen Fall leicht wieder an den Anfang zurückwerfen. Schade um die dann verschwendete Zeit.