Praxis-Tipp: »Hilfe! Mein Hund randaliert am Zaun.«

Erste Gedanken: Es wird Zeit brauchen

Wie bei allen Verhaltensweisen, die unser Hund ritualisiert - also über längere Zeit aufgebaut - hat, braucht es seine Zeit. Rechne mit etlichen Tagen, unter Umständen sogar einigen Wochen intensiven Trainings. Allerdings werden du und dein Hund schon in den ersten Tagen sehr große Erfolgserlebnisse haben, auf denen ihr aufbauen könnt.

Ziel der Übung sollte es sein, dass der Hund sich möglichst gar nicht mehr aufregt, wenn am Zaun etwas passiert. Also höre nicht zu früh auf!

Wie oft und wie lange müssen wir üben?

Den ersten großen Trainingsblock machen wir zusammenhängend über mehrere Tage, bis sich ein erster guter Erfolg abzeichnet. In dieser Zeit kommt der Hund nicht unkontrolliert in den Garten, um Rückschläge zu minimieren und schneller gute Erfolge aufbauen zu können.

In der Folgezeit trainieren wir dann immer wieder, wenn der Hund in das alte Verhaltensmuster zurückzufallen droht. Euer dauerhafter Erfolg ist maßgeblich davon abhängig, dass du den Hund danach NIE WIEDER in dieses alte Verhaltensmuster entlässt.

Nach einigen Monaten hat es sich aber soweit gefestigt, dass der Hund so gut wie nie wieder am Zaun randalieren wollen wird: Er hat ein sogenanntes Alternativ-Verhalten aufgebaut.

Praxis-Training Schritt-für-Schritt

Leckerlie: Ein prall gefülltes Säckchen mit Leckerlie ist immer hilfreich. Auch hier. Alternativ kann sich dein Hund mit dieser Übung auch einen Teil seiner üblichen Tagesration an normalem Futter verdienen. (Ihm ist beides recht.)

Geduld: Diese Übung wird gerade am Anfang häufiger scheitern. Werde nicht ungeduldig, sondern wiederhole und wiederhole und wiederhole.

Hilfe: Falls bei dir wenig los ist, bitte Freunde darum, an eurem Zaun entlangzugehen. Ansonsten warte einfach auf Passanten und Radfahrer.

Praxis-Tipp Ein hungriger Hund ist sehr viel gelehriger. Also bekommt er seit etwa 12-24 Stunden NICHTS zu fressen. (Wasser aber sehr wohl!)

Wir positionieren uns gemeinsam mit dem Hund ein paar Meter vom Zaun entfernt. Möglichst so, dass du den Weg in beide Richtungen gut einsehen kannst.

Solange niemand kommt, kann man die Zeit nutzen und ein bisschen an den Grundkommandos oder an neuen Tricks mit dem Hund herumfeilen.

Jetzt ist Timing gefragt! Noch bevor der Hund nun lossprinten und am Zaun den dicken Max markieren kann, sprechen wir ihn kurz an: "Benno!"

Direkt danach stopfen wir ihn mit Leckerlie bzw. Futter voll. Anfangs darf es gern eine ganze Hand voll sein; später reduzieren wir.

Der Hund bekommt so lange immer neuen Nachschub an Leckerlie, wie das Opfer am Zaun den Hund triggern könnte. (Normalerweise ist am Ende des Zauns auch Schluss mit Randale.)

Ist das Opfer aus der "Trigger-Zone", wird die Fütterung sofort wieder eingestellt: Die letzte hingehaltene Portion darf noch gefressen werden, doch es gibt keinen Nachschub mehr.

Pech beim Timing? Wir haben zu spät mit der Fütterungs-Ablenkung begonnen und der Hund flitzt einfach zum Zaun? Alles relaxed! Damit müssen wir rechnen, denn es WIRD etliche Male passieren.

In diesem Fall machen wir ... gar nix. Wir rufen den Hund nicht. Wir beachten den Hund nicht. Und er bekommt weder Aufmerksamkeit noch Leckerlie oder Futter von uns. Auch nicht, wenn er wieder zu uns zurückkehrt.

Wir warten einfach ab, bis das Opfer vorbei ist und der Hund sich wieder etwas beruhigt. (Du merkst es daran, dass er sich anderen Dingen widmet.) DANN - und ERST DANN - rufen wir den Hund ab ( "Bello! ... Komm her!"). Und NUR IN DIESEM FALL bekommt er fürs Kommen auch ein Leckerlie und kurzes Lob.

Dann warten wir wieder geduldig auf das nächste Opfer...

Wenn es dir öfter passiert, dass dir der Hund trotz aller Bemühungen entwischt und lieber zum Zaun rennt, als von dir Leckerlie oder Futter zu bekommen, dann vergrößere den Abstand zum Zaun ein bisschen. Je weiter ihr vom Zaun entfernt seid, desto weniger wird dein Hund durch die Bewegung am Zaun getriggert.

Du baust mit deinem Hund gerade ein Alternativ-Verhalten auf. Er soll also lernen, dass Bewegung am Zaun mit leckeren Sachen und - vor allem - mit deiner Aufmerksamkeit verbunden ist. Dafür braucht es viele(!) Übungseinheiten. Und die möglichst ohne allzu viele Misserfolge zwischendrin.

Deshalb darf der Hund in den nächsten Tagen nicht ohne Aufsicht in den Garten. Ausnahme: Ihr habt einen Grundstücksteil, wo der Hund ganz sicher nicht randalieren wird (beispielsweise ein Hinterhof, oder so). Doch jeder "Rückfall" wäre eine Zeitverzögerung beim Training.

Wie lange ihr üben müsst, hängt von vielen Faktoren ab: Wie stark hat der Hund das Randalieren schon ritualisiert? Wie lange macht er es also schon? Und wie intensiv randaliert er? Was ist er für ein Charakter? Wie clever ist er? Und wie alt ist er? Aber auch: Wie geschickt stellst du dich an? Und wie viele Übungen könnt ihr in ein, zwei oder drei Stunden absolvieren? Also: Wie viel "Opfer-Verkehr" habt ihr?

Typischerweise solltest du davon ausgehen: Mindestens eine Woche intensives Training! Danach wirst du schon sehr große Teilerfolge haben. Möglicherweise kann dein Hund es dann sogar schon aushalten, direkt neben dem Zaun zu hocken und von dir mit Leckerlie vollgestopft zu werden, während ein ehemaliges Opfer draußen vorbeizieht.

Muss ich jeden Rückfall unterbinden?

Ja! Anfangs unbedingt jeden! Später hängt es von deiner Zielstellung ab. Je konsequenter du unterbindest, desto weniger wird dein Hund zukünftig Alarm machen. Wenn du beispielsweise einen freilaufenden Hofhund auf einem Bauernhof in Alleinlage hast, wirst du jedoch nicht wollen, dass dein Hund Fremde nicht mehr anzeigt. Wenn du jedoch Nachbarn hast oder an einer stark frequentierten Straße wohnst, solltest du es vielleicht bis zum Ende durchziehen: Lieber einen "leisen" Hund; als einen, der möglicherweise irgendwann Probleme macht (oder bekommt).

Da wir das Alternativ-Verhalten aber mit der Aufmerksamkeits-Forderung verbunden haben, reicht es hoffentlich, einfach nur seinen Namen zu rufen: "Hasso!" oder es mit einem Abruf zu verbinden: "Hasso! Komm her!" Kommt er dann sofort und nach dem ersten Abruf, wird er natürlich warm belohnt!

Von jetzt an liegt es bei dir, einen von drei Wegen einzuschlagen:

  1. Kompletter Rückfall in altes Verhalten
    In diesem Fall musst du gar nix machen. Der Hund kann das ganz allein.
  2. Einen "Alarm-Hund" haben
    In diesem Fall rufst du den Hund jedes Mal ab, wenn er wieder anfängt zu bellen. Anschließend bekommt er IMMER Leckerlie. So baut ihr ein "Alarm-Verhalten" auf.
  3. Jegliches Alarmieren & Randalieren unterbinden
    In diesem Fall musst du ganz besonders in den ersten Wochen JEDES Kläffen am Zaun strikt unterbinden. Lege dazu JEDEN TAG ein paar Übungseinheiten ein. Damit festigt ihr das Alternativ-Verhalten; bis der Hund eines Tages die vorbeiziehenden Opfer gar nicht mehr beachtet.

Jeder Weg bedeutet ein bisschen mehr Kraft- & Zeitaufwand. Aber das Ergebnis ist auch ein immer ruhigerer und gechillterer Hund. Es ist also deine Entscheidung.

Typische Fehler

Beim Training können wir durchaus einige Fehler machen. Hier findest du einige der häufigsten Fehler ... und deren mögliche Lösungsansätze.

Das Training wird mit etlichen Misserfolgen verbunden sein. Werde nicht ungeduldig. Das passiert. Es lässt sich kaum vermeiden.

Übe mit deinem Hund jeden einzelnen Durchlauf als wäre es der allererste. Lass ihn niemals merken, dass du missmutig wirst. Im Zweifel beende lieber das Training für heute oder mache eine (längere) Pause.

Wichtig ist, dass du den Hund ablenkst, BEVOR er lossprintet. Er WIRD dir entwischen. Auch das ist normal.

Versuche, die Opfer zu sehen, bevor dein Hund sie sieht. Dann ist das Timing einfacher.

Randaliert dein Hund am Zaun, wird er NICHT BEACHTET. Kein Blick. Kein Wort. Kein Ton. Keine Aufmerksamkeit. Schon gar kein Leckerlie oder Futter. Auch kein Ruf ( "Hasso!") oder Abruf ( "Komm her!"). Der Hund würde dich sowieso nicht hören (wollen). Also spare dir die Luft.

Warte mit der Aufmerksamkeit für den Hund, bis der sich wieder ein bisschen beruhigt hat. Du merkst es daran, dass er nicht mehr auf das Opfer fixiert ist, sondern sich um andere Dinge kümmert.

Dann - und ERST DANN - bekommt der Hund Aufmerksamkeit. Zuerst den Namen rufen: "Bello!"; dann kurze Pause; dann der Abruf (auch, wenn er von allein kommt!): "Komm her!" Kommt er beim ERSTEN Abruf, wird er mit Lob und Leckerlie belohnt. Doch NUR DANN.

Du versuchst, ein alternatives Verhalten aufzubauen. Das muss sich erst festigen und zur "Normalität" werden. Dafür braucht es viele Übungseinheiten. Und jeder Rückfall wirft euch auf diesem Weg ein Stück zurück.

Wenn du also zu früh aufhörst; oder wenn du deinen Hund zu oft in alte Verhaltensmuster zurückfallen lässt; wirst du schon sehr bald wieder vor demselben Problem stehen. Es braucht also wirklich ausdauerndes und zusammenhängendes Training.

"Nicht randalieren" ist nichts, was der Hund nun für den Rest seines Lebens kann. Er wird immer wieder in Versuchung geraten. Wehre den Anfängen!

Je nachlässiger du bist, je öfter du dem Hund diese Ausrutscher durchgehen lässt, desto stärker wird der Hund wieder in die alte Spur geraten.