»Komm her!« - Mein Hund kommt nie, wenn ich ihn rufe

Diese Situation kennt wohl jeder Hundehalter: Man ruft den Hund, doch der interessiert sich einen Dreck dafür. Er macht einfach weiter und verschwindet in einer Staubwolke.

Das ist unter Umständen eine sehr gefährliche Situation, etwa, wenn der Hund seinem Jagd-Trieb nachgibt; oder wenn eine Straße in der Nähe ist.

Deshalb ist das »Komm her!«-Kommando auch das allerwichtigste der 7 Grundkommandos. Und es sollte immer und immer wieder trainiert werden. Jeden Tag. Auch dann, wenn es scheinbar bereits perfekt sitzt. Denn wenn es zur Unzeit mal nicht klappt, kann es schnell zu einem ernsthaften Problem werden.

Lese-Hinweis: Ja, es ist viel Holz hier. Doch damit du wirklich VERSTEHST, wie dein Hund tickt, haben wir die häufigsten Fälle und Hintergründe skizziert. Lies es aufmerksam durch und VERSUCHE ZU VERSTEHEN, denn dieses Kommando setzt viel Einfühlungsvermögen in den Hund voraus, weil du hier deinen Hund "fernsteuern" können musst.

Lieber 10 Mal zu früh abrufen, als 1 Mal zu spät

Bei diesem Kommando ist der Zeitpunkt absolut entscheidend. Je weiter der Hund von dir weg ist, je mehr er schon im Spiel-, Hetz- oder Jagd-Trieb versunken ist, desto schlechter wird er auf dein Abruf-Kommando hören.

Ganz besonders Jagd-Rassen solltest du nie weiter als 20, 30 Meter von dir weglassen. Und in Gegenden mit "interessanten Spuren" noch weniger.

Wenn du also nicht wirklich sicher sein kannst, ob dein Hund auch noch in 50 Metern Entfernung auf dich hören wird, desto früher solltest du ihn abrufen, BEVOR er 50 Meter weg ist. Das gilt insbesondere für alle "Jagd-Rassen", also Hunde, die Rasse-bedingt einen stark ausgeprägten Jagd-Trieb haben. Denn wenn die einmal im Jagd-Modus sind, dann hören und sehen sie nichts anderes mehr.

Ist der Hund erst mal im "Trieb-Modus", kannst du ihn da nur schlecht rausholen. Rufe ihn also ab, BEVOR er endgültig auf den Trieb-Modus umschaltet.

Die Entfernung zu dir ist für den Hund ein wichtiger Maßstab: Je weiter weg du bist, desto weniger hast du zu sagen; desto selektiver und willkürlicher werden die Kommando-Ausführungen erfolgen.

»Was hast du zu bieten?«

Jeder Hund, der abgerufen wird (und es hört), trifft in dieser Sekunde eine Entscheidung:

»Was ist mir wichtiger?«

Möchte er weiterspielen? Oder möchte er lieber zu dir kommen? Möchte er dich am liebsten ignorieren? Oder möchte er dir zeigen, dass er dich respektiert?

Dein einfacher und einziger Job ist es, diesen Prozess der Entscheidungsfindung zu deinen Gunsten ausfallen zu lassen: Gib deinem Hund einen guten Grund, lieber zu dir zu kommen als mit seinem Spiel oder seiner Jagd weiterzumachen.

Je interessanter/schöner/besser das, was du jetzt anbietest, ist, desto bereitwilliger und schneller wird dein Hund nach einem Abruf zu dir kommen.

Der richtige Zeitpunkt des Abrufs

Dein Hund ist ins Spiel vertieft. Er tobt mit anderen Hunden über die Wiese oder - wie einer meiner Hunde - er hört das Gras wachsen und jagt ausgiebig nach Graswurzeln. ... Kurz gesagt, er ist völlig in seiner eigenen Welt. Er hört nix. Er sieht nix.

Ja, das ist respektlos dir gegenüber. Doch das ist ein anderer Punkt, den wir an anderer Stelle erörtern. Hier geht es darum, dass dein Hund "Kopfhörer aufgesetzt hat und nun laut seine Lieblingsmusik hört".

Warte auf deinen Einsatz! Warte auf die Pause zwischen zwei "Musikstücken". Warte, bis dein Hund zeigt, dass er das Spiel - und sei es nur für ein paar Sekunden - nicht ganz so vertieft spielt.

Du merkst es daran, dass er - und sei es nur für eine Sekunde - zu dir herüberschaut. Oder, wenn er dich gar nicht respektiert, warte darauf, dass er wenigstens irgendwo hinschaut, was nicht zum Spiel gehört.

DAS ist der perfekte Zeitpunkt, ihn abzurufen. Einen besseren Zeitpunkt wirst du nicht bekommen.

Ja, das kann manchmal 2, 3 oder auch 5 Minuten dauern; doch ES WIRD GESCHEHEN. IMMER. GARANTIERT. Zeige Geduld und warte auf deinen Einsatz. Beobachte deinen Hund und warte darauf, dass er vom Spiel abgelenkt ist. Das erspart dir wildes Herumzetern und jede Menge Aufregung.

Diesen Abruf kennen wir alle

»Ben! Hierher! ... Komm her, Ben! ... Komm her! ... Ben! Ben! ... Kommst du jetzt her! ... HIERHER sollst du kommen! ... Komm, Ben! ... Ben! Hierher!«

So und ähnlich schallt es allenthalben über die Wiesen und Wege. Und wir alle wissen: Da ist jemand immer verzweifelter und verärgerter dabei, seinen Hund zu sich zu rufen.

Doch der Hund ist nicht doof. Der weiß: »Okaaaaay, er/sie ist sauer. Da kann ich auch hierbleiben und weiterspielen, während ich abwarte, bis er/sie sich wieder beruhigt hat.«

Denn ja, Hunde bleiben Hunde. Und als solche kennen sie kein "Nachtragen". Wenn ein Hund sauer ist, dann ist er JETZT sauer. Und in 2, 3 Minuten hat er sich wieder beruhigt und vergeben und vergessen. Also lohnt es sich aus der Sicht deines Hundes, einfach abzuwarten, bis du dich wieder beruhigt hast. Dann kann er immer noch entscheiden, ob er nun zu dir kommen will.

Der richtige Abruf

Wir bereiten uns auf den Abruf vor. Dazu nehmen wir die fordernde Körperhaltung ein. Damit teilen wir dem Hund jetzt schon mit, dass wir etwas von ihm wollen. Und dann rufen wir mit der Entfernung zum Hund angemessener und selbstsicherer Stimme, die jedem (auch den anderen Hundehaltern im Umkreis) anzeigt, dass wir absolut sicher sind, dass er das Kommando befolgen wird:

»Ben!« ... (Pause; wir warten darauf, dass er auf seinen Namen reagiert und zu uns herüberschaut) ... »Komm her!« (Ein einziges Mal)

Nur ein einziges Mal rufen? Ja, genau! Denn wenn er dich gehört hat (er hat dich angeschaut), dann hat er auch das Kommando gehört. Jede Wiederholung, womöglich noch mit frustrierter Stimme, macht es nicht besser, sondern schlimmer.

Hört er trotzdem nicht auf das Kommando, geben wir ihm nach einer angemessenen Reaktionszeit eine zweite - und letzte - Chance:

»Ben!« ... (Pause; wir warten darauf, dass er auf seinen Namen reagiert und zu uns herüberschaut) ... »Komm her!« (Ein einziges Mal)

Wie lang die Reaktionszeit sein sollte? Dafür gibt es kein eindeutiges Maß, denn das hängt von den Umständen ab. Wenn dein Hund nur zögert, also zeigt, dass er in der Entscheidung "Weiterspielen oder Hinlaufen?" unsicher ist, dann kommt die zweite Chance ziemlich schnell (nach ca. 10-15 Sekunden). Wenn er sich jedoch gleich wieder dem Spiel zuwendet, warten wir, bis wir erneut seine Aufmerksamkeit bekommen können (s. Der richtige Zeitpunkt des Abrufs). Das kann 2, 3 oder auch 5 Minuten dauern. Beobachte deinen Hund aufmerksam. Und warte auf den perfekten Zeitpunkt.

Er kommt auch nach dem zweiten Abruf nicht

Anstatt uns nun vor dem Hund und anderen Hundehaltern zum Clown zu machen, indem wir Tourette-artig immer das gleiche Kommando wiederholen und uns dabei in Rage schreien, erhöhen wir nun den Handlungsdruck auf unseren Hund:

Wir gehen weg. Wir drehen uns um und gehen vom Hund weg. Dabei achten wir aber darauf, dass er uns weiterhin sehen kann. Schlage dich also nicht durch die Büsche oder das Unterholz eines Waldes. Wähle stattdessen eine Richtung, die über weitgehend freies Feld führt.

Doch drehe dich nicht um. Und schon gar nicht rufe mehr nach deinem Hund.

Halte ihn aber dennoch im Augenwinkel im Blick. Denn nun wird er sich für eine von drei Varianten entscheiden müssen. Welche er wählt, hängt davon ab, wie viel "Sozial-Bindung" ihr bereits gemeinsam hat, wie verbunden er sich dir also fühlt; und ob er dich respektiert oder eben nicht.

Alle drei Varianten erörtern wir in den folgenden Abschnitten.

Variante 1: Er ist der Chef eures Rudels

Ein schlecht erzogener Hund, bei dem sich dominantes Verhalten bereits über lange Zeit verfestigt hat, glaubt fest daran, dass er - und nur er allein - euer Rudel führt. Und genauso "denkt" er auch:

»Alter, was geht denn jetzt ab? Sieht sie nicht, dass ich hier beschäftigt bin? Warum wartet sie nicht, bis ich fertig bin? Kann man sie nicht mal 5 Minuten allein lassen, ohne dass sie Unfug macht?!«

Dann wird er dir binnen kürzester Zeit hinterherlaufen. Doch nicht, um das Kommando zu befolgen, sondern um dich "wieder einzufangen" und zur Ordnung zu rufen. Schließlich hatte er zu tun und ist damit noch nicht fertig. Und bis dahin hast du dich gefälligst nicht zu entfernen.

Variante 2: Er ist "nur" respektlos

Ein "nur" respektloser Hund, also einer, der wohl akzeptiert, dass du da bist, der aber nur ungern Kommandos entgegen nimmt und sie selbst dann nur sehr selektiv befolgt, wird seinerseits ebenfalls schnell aufmerksam, wenn du dich entfernst:

»Was soll das? Warum geht sie weg? Will sie mich hier allein lassen? Warum? Was habe ich getan?«

Dieser Hund wird sich etwas mehr Zeit lassen, dir nachzulaufen. Doch je weiter du dich entfernst, desto größer wird sein Drang, dir zu folgen. Ebenfalls nicht, weil er nun das Kommando befolgen will, sondern einfach nur, weil er dich nicht aus den Augen verlieren will.

Variante 3: Ihr beide habt keine oder nur eine sehr schwache soziale Bindung

Ganz ehrlich: In diesem Fall wäre es besser gewesen, du hättest den Hund nicht abgeleint. Ob und, wenn ja, wann der Hund dir nun folgt oder nicht, ist ein reines Glücksspiel und hängt maßgeblich davon ab, wie wohl er sich bei den anderen, mit denen er gerade spielt, fühlt.

Gott sei Dank ist dieser Fall aber extrem selten und wird eher "Gassi-Geher" und "Bekannte, die auf deinen Hund aufpassen" sollen, betreffen. Selbst der empathieloseste Hundehalter sollte jedoch binnen kürzester Zeit zumindest dieses schwache soziale Band herstellen können, dass der Hund wenigstens "nur respektlos" ist.

Mein Hund läuft jetzt zu mir

Ganz egal, aus welchem Grund unser Hund nun angelaufen kommt: ob er das Kommando befolgt hat, ob er uns zurechtweisen will oder ob er aus Angst, allein gelassen zu werden, angelaufen kommt:

Wir verhalten uns IMMER GLEICH. Wir machen keinen Unterschied in Bezug auf seine Beweggründe.

Wir drehen uns frontal zum Hund und zeigen ihm das körpersprachliche Signal der Freude. (Du kannst hier auch in die Hocke gehen, um das positive Signal noch weiter zu verstärken.)

Und mit großer Freude in der Stimme rufen wir ihn nun noch einmal:

» Komm her!«

Doch abermals nur ein einziges Mal. Das aber mit dem Ausdruck maximaler Freude, weil er nun doch endlich angetrabt kommt.

Mein Hund ist bei mir angekommen

Sobald der Hund bei uns angekommen ist, überschlagen wir uns geradezu vor Freude. Wir streicheln ihn. Wir loben ihn mit Worten. Und wir "bestechen" ihn mit Leckerlie.

Entscheidend - und nur darauf arbeiten wir auch jetzt hin - ist ein einziger Punkt: Unser Hund soll sich bei uns wohlfühlen. Er soll den Eindruck vermittelt bekommen, dass er einen guten Tausch gemacht hat, als er das Spiel abbrach, um uns zu folgen.

Damit bereiten wir seinen nächsten selbständigen Ausflug und die Entscheidungsfindung beim nächsten Abruf bereits hier und jetzt vor. Also gib dir alle Mühe, deinem Hund zu gefallen!

Fehler 1: Den Hund bestrafen

Der schlimmste Fehler, den du machen kannst, ist, deinen Hund zu bestrafen, wenn er nach dem Abruf nicht oder nicht rechtzeitig zu dir kommt.

Bestrafe deinen Hund NIEMALS, wenn ihr nach dem Abruf doch zusammengefunden habt. Ganz egal, ob du ihn nun "abholst" oder ob er - spät zwar, aber immerhin - zu dir kommt.

Natürlich ist es frustrierend, wenn man los will, und der Hund einfach nicht herkommt. Doch du "bewirbst" dich gerade um seine Gunst fürs nächste Mal. Wenn du ihn jetzt also bestrafst, dann wird er beim nächsten Mal noch zögerlicher auf deinen Abruf reagieren.

Fehler 2: Den Hund "abholen"

Auch das sieht man häufig auf den Hundewiesen: Herrchen/Frauchen verliert die Geduld und stapft - mehr oder weniger wutentbrannt - los, um den Hund selbst abzuholen, wenn er nicht herkommt.

Das ist absoluter Bockmist und hochgradig kontraproduktiv. Denn damit sagt Herrchen/Frauchen, dass ein neues Spiel eröffnet ist. Und das heißt "Fang mich! Ich bin der Frühling!" ... was Herrchen/Frauchen logischerweise nur noch wütender macht.

Oder noch schlimmer: Der Hund wird, kaum eingefangen, mit einer Schimpftirade zusammengefaltet, dass man selbst als Beobachter die Ohren anlegt. Und obendrein wird der Hund mit wütenden Handgriffen seiner Freiheit beraubt.

Der Hund lernt dabei nur eines:

»Wenn Herrchen/Frauchen mich abruft, dann werde ich zusammengefaltet und meiner Freiheit beraubt. Warum sollte ich also auf so ein Abruf-Kommando hören? Da genieße ich lieber die letzten Minuten in Freiheit und Ruhe in vollen Zügen.«

Fehler 3: Dem Hund hinterherlaufen

Der Hund will partout nicht auf den Abruf reagieren? Also stapft Herchen/Frauchen notgedrungen los, um den Hund abzuholen. Der sieht »Oh, guck mal! Herrchen/Frauchen spielen mit! Wie toll!« und gestattet seinem Dosenöffner, am Spiel teilzunehmen.

Spontan springt er los und rennt einige Meter weg, um dann auf Herrchen/Frauchen zu warten. Und die haben natürlich nix besseres zu tun, als die Richtung zu wechseln und das Spiel des Hundes mitzuspielen.

Hier ziehen sich Herrchen/Frauchen gerade einen Rüpel heran, der aktuell lernt: »Die Spiele? Die bestimme bei uns zu Hause ich; und ich allein. Herrchen/Frauchen dürfen mitspielen, wenn ich es sage und wie ich es sage.«

Kurz gesagt: Rennst du deinem Hund öfter hinterher, um ihn "einzufangen"; dann wirst du schon sehr bald eine ganze Reihe weiterer Probleme haben. Und dagegen ist das "Nicht-Hören beim Abruf" noch eines deiner kleineren Probleme...

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