Hilfe! Mein Hund ist futter-aggressiv!

Viele Menschen kennen es: Ihr Hund verteidigt - zum Teil wirklich verbissen - sein Futter. Erst "schützt" er es mit seinem Körper, dann fängt er an zu knurren ... und später zeigt er echtes Droh-Schnappen, beißt also durchaus auch zu.

Die große Frage, die sich hier stellt, lautet:

»Was kann ich dagegen tun?«

Futter ist eine lebenswichtige Ressource

Als Raubtiere und Karnivoren, also als (nahezu reine) "Fleisch-Fresser", leben Hunde stets nach dem Prinzip: »Wer weiß, wann ich wieder satt werde?« Denn Jagd ist keineswegs immer erfolgreich. Vielmehr kann es vorkommen, dass man tagelang mit knurrendem Magen schlafen gehen muss, um dann irgendwann doch Erfolg zu haben.

Dann schlägt sich das Raubtier im Hund den Magen voll, bis der Bauch auf der Erde schleift. Die Natur hat ihnen ein sehr spät einsetzendes "Satt! Reicht, danke!"-Signal eingebaut. Eben, weil man nie weiß, wann man wieder etwas zu Essen bekommt.

Daran haben auch runde 50 Jahre der Hundefutter-Dosen-Industrie nichts geändert: Hunden ist es bis heute unbegreiflich, dass du an 6 Tagen in der Woche bis 22 Uhr in den Supermarkt gehen und beliebig viel Futter heranschaffen kannst.

Für Hunde ist Futter bis heute eine knappe und zufällige Ressource, die es gegebenenfalls auch zu verteidigen gilt.

Ammenmärchen: Der Alpha hat Futter-Vorrang

Bis vor etwa 20 Jahren glaubte man, die Natur wäre vollständig "sozial-darwinistisch": Der Stärkere bzw. Mächtigere besitzt in allem den Vorrang ... auch beim Futter.

Er darf sich die leckersten Stücke heraussuchen. Er darf in Ruhe fressen, bis er platzt. Und er darf jederzeit andere vom Futter verdrängen.

Deshalb behauptete man frei von der Leber weg, es wäre das Recht des Rudelführers, jederzeit andere Hunde vom Futter zu verdrängen und sich selbst den Bauch vollschlagen zu dürfen. Von den Resten sollten dann die anderen Rudelmitglieder ihren Hunger stillen dürfen.

Mittlerweile weiß man: Das ist purer Nonsens! Zahllose Beobachtungen bei Wölfen und frei lebenden Hunde-Rudeln haben gezeigt: Selbst das rangniedrigste Tier eines Rudels darf eine Futter-Ressource ungestraft gegen das Alpha-Tier verteidigen.

"Futter-Dominanz" taucht hingegen nur in Zeiten extremer und lange anhaltender Futterknappheit auf. Dann - und nur dann - streitet ein Alpha-Tier auch kraft seiner Dominanz um das Futter.

Politische Weltanschauung! Interessanterweise stammt diese Behauptung aus einer selbstverstärkenden Weltanschauung:
Insbesondere sogenannte "Liberale", und natürlich fast alle Konservativen, glauben, es gäbe "geborene Herren & geborene Diener"; und all das wäre eine "natürliche Rangordnung", die nicht in Frage gestellt werden dürfe ... auch beim Fressen nicht.

Steigert sich Futter-Aggression mit der Zeit?

Das ist eine ausgesprochen schwierige Frage, weil es hier keine klare Antwort gibt:

Ja, sie kann sich steigern, wenn der Hund sich durch äußere Umstände dazu veranlasst sieht. Wenn er etwa das Gefühl hat, er MUSS es (ständig) verteidigen, dann wird er im Laufe der Zeit immer aggressiver werden. Und auch, wenn er lernt, dass er mit der aggressiven Futter-Verteidigung erfolgreich durchkommt, wird er im Laufe der Zeit immer aggressiver werden. Das kann dann zu echten Problemen führen.

Nein, es muss sich nicht steigern. Wenn du deinen Hund immer in Ruhe fressen lassen kannst, und er das auch über die Zeit hinweg merkt und weiß, gibt es für ihn keinen Grund, die Aggression, also den Kraft-Aufwand, zu steigern. Aggression ist bei Hunden immer nach dem Minimal-Prinzip ausgelegt: »Sei nur so aggressiv, wie unbedingt nötig. Nicht mehr, denn das ist verschwendete Energie.«

Es hängt also maßgeblich von den Umständen der Fütterung ab: Wie verhältst du dich dabei? Wie verhält sich das Rudel dabei? Wie sicher ist deine Ausstrahlung? Hast du sogar schon Angst davor, den Hund zu füttern, weil er dich vielleicht beißen könnte? Stören ihn andere Rudel- bzw. Familienmitglieder beim Fressen? ... Es gibt viele Einfluss-Faktoren, die zu einer klaren Antwort beitragen.

Sobald du aber das Gefühl der "Machtlosigkeit" hast und gleichzeitig glaubst oder weißt, dass es ein Problem werden könnte, solltest du umgehend einen Profi hinzuziehen. Viele Probleme der Futter-Aggressivität lassen sich beseitigen, bevor sie entstehen. Doch was genau du in solchen Fällen tun kannst und solltest, kann dir nur jemand sagen, der deine genaue Situation kennt. Vielleicht ist es eine Änderung des Futterorts? Vielleicht ist es eine Änderung deines Verhaltens? Vielleicht ist es eine Änderung eures Tagesablaufs? Oft sind es schon Kleinigkeiten, die große Wunder bewirken können.

Welche Reaktions-Möglichkeiten habe ich?

Da das Verteidigen von Futter für Hunde durchaus natürlich ist, bleibt uns nur die Antwort auf die Frage: »Was kann ich tun? Welche Optionen habe ich?«

Das sind logischerweise nicht allzu viele. Schauen wir sie uns in den folgenden Abschnitten mal an:

Option 1: Ich kann es dulden

Logischerweise ist »Ich tue so, als gäbe es das Problem nicht.« eine einfache (und gerade bei älteren Tieren, etwa solchen aus dem Tierheim, durchaus sinnvolle) Option.

Sie funktioniert immer dann, wenn dein Hund nicht an "riskanten Orten" (etwa in der Küche, in der sich auch kleine Kinder aufhalten) gefüttert wird. Denn dein Hund wird sein Futter im Zweifel natürlich auch gegen Kinder verteidigen.

Praxis-Tipp 1: Sorge dafür, dass der Fütterungsort (meist ist es wohl die Küche) während der Fütterungszeit nur von dir und dem Hund bevölkert wird. Für alle anderen Familienmitglieder ist sie in dieser Zeit tabu.

Da die Fütterung in aller Regel schnell vorbei ist (mein Labrador-Mix saugt das Futter schneller auf, als ich es in den Napf schütten kann), sollte es im Normalfall keine nennenswerten Probleme geben.

Praxis-Tipp 2: Zeige deinem Hund deutlich, dass du nicht die Absicht hast, ihm das Futter streitig zu machen. Entferne dich deutlich vom Futternapf (mindestens 2 - 3 Meter). Schaue den Hund nicht an (schon gar nicht in die Augen). Sprich nicht mit ihm; auch - und erst recht - nicht beschwichtigend! Und fasse ihn auch nicht an.

Option 2: Ich kann mich durchzusetzen versuchen

Komplexer wird die Sache, wenn du die zweite Option in Anspruch nehmen möchtest: »Ich toleriere keine Aggression. Auch keine Futter-Aggression.«

Denn hier gibt es mehrere mögliche Ergebnisse, die stark vom Charakter deines Hundes, deiner Erfahrung mit Hunden, deiner echten Dominanz und sogar von der Tages-Laune deines Hundes abhängen.

Es gibt also kein eindeutiges »Mache es so und so. Dann wird das schon klappen.«

Das Haupt-Risiko liegt darin, dass du mit einer verlorenen Auseinandersetzung auch an grundlegender Autorität verlierst; dass du also wenig gewinnen, aber jede Menge verlieren kannst, während dein Hund nur gewinnen kann und nichts zu verlieren hat.

Option 2 - Risiken: Welche Wege und Ergebnisse gibt es?

Der offensichtlichste Weg ist: Du streitest mit deinem Hund um sein Futter. Je nach Charakter, Laune, Hunger und zahlreichen anderen Faktoren wird dein Hund entweder nachgeben oder immer weiter eskalieren. Bis hin zum (schmerzhaften) Droh-Schnappen.

Ergebnis: Du gewinnst. Wenn du diese Auseinandersetzung gewinnst, musst du nur die folgenden 10, 50 oder auch 100 Auseinandersetzungen ebenfalls gewinnen. Vielleicht hast du sogar eine Chance, dass der Hund irgendwann gar nicht mehr futter-aggressiv ist.

Ergebnis: Du verlierst. Wenn du diese Auseiandersetzung verlierst, verlierst du zugleich auch an Glaubwürdigkeit als Alpha-Tier. Denn du hast Schwäche gezeigt, wo du Stärke demonstrieren wolltest. Deine einzige Chance, jetzt noch halbwegs sauber aus der Nummer herauszukommen, wäre, dass du jetzt eine ernsthafte Rauferei anzettelst. Samt Bissen. Und du müsstest sie gewinnen.

Dominanz ist kein Prinzip, sondern beruht auf Notwendigkeiten der Führung! Versuche nicht, "aus Prinzip" dominant zu sein! Hunde kennen keine Prinzipien. Ihnen sind auch deine Prinzipien schnurz-piep-egal.

Du kannst nur wenig gewinnen, aber viel verlieren! Denke vorher daran, dass du im Zweifel eine wilde Beißerei in Kauf nehmen musst, wenn es dir nicht rechtzeitig gelingt, dich durchzusetzen. Einmal angefangen kannst du nämlich nicht mehr zurück, ohne an Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Einmal ist kein Mal! Auch bei dieser Auseinandersetzung gilt: Es wird nicht reichen, es einmal auszutragen. "Verteidigung von Futter" ist ein natürliches und instinktives Verhalten. Du musst also "Instinkte brechen". Und das kostet unter Umständen viele, viele, viele Wiederholungen.

Option 2 - Lösung: Vermeide die unmittelbare Auseinandersetzung

Es mag auf den ersten Blick unglaublich klingen, aber entferne dich von deinem Hund, sobald er beginnt, Futter-Aggression zu zeigen. Auf der Stelle. Umdrehen und den Raum verlassen, also außer Sichtweite (idealerweise auch außer Hörweite) gehen, sobald die ersten Aggressionszeichen (angespannte Haltung, Abdrängen, Knurren, etc.) zu bemerken sind. Bemühe dich dabei um eine besonders aufrechte, ja, geradezu affektierte Körperhaltung: Schultern besonders durchdrücken, Bauch besonders rein, Brust besonders raus, souveräne und feste Schritte (aber nicht stampfen!). ... Kurz gesagt: Sei besonders "hochnäsig", wenn du den Raum verlässt. (»Pah! Mit DIR streite ich mich schon mal gleich gar nicht. Du würdest sowieso nur verlieren.«)

Aus der Sicht eines Menschen wäre das ein "Rückzug", nicht wahr?! Da verpisst sich jemand, der es mit der Angst zu tun bekommen hat; der vielleicht frustriert ist; der aber auf jeden Fall diese Auseinandersetzung klar verloren hat.

Aus der Sicht des Hundes sieht es aber völlig anders aus:

»Hmmmm, er/sie ignoriert mich, anstatt mit mir zu streiten? Habe ich meinen Rudelführer verärgert? Warum zieht er sich von mir zurück? Was plant er gerade? Habe ich es vielleicht übertrieben?«

Kurz gesagt: Es verunsichert deinen Hund. Denn er weiß sehr genau, dass er die Rangordnung nicht beachtet hat. Und dein überraschendes Verhalten (er hat mit einer Auseinandersetzung gerechnet) irritiert ihn. Doch das Futter war es ihm in dem Moment wert.

Aber es geht noch weiter:

Direkt nach dem Fressen; wirklich als nächste Aktion und vor allem anderen, verlangst du von deinem Hund mehrere Gehorsams-Übungen: »Sitz!«, »Platz!«, »Bleib!«, »Komm her!«, »Platz!« ... durchaus so etwa 10 Kommandos in relativ schneller Folge. Die Belohnung fällt dabei kurz und knapp, aber deutlich aus. (»Braver Junge!« reicht völlig.)

So "reintegrierst" du deinen Hund nach dem frechen Verhalten am Napf wieder in dein Rudel; zeigst ihm dabei auch deutlich: »Freundchen, mir liegt an Gehorsam. Ich mag keinen Ungehorsam.«

Und es geht darüber noch hinaus:

Trainiere das »Aus!«-Kommando in den nächsten Tagen und Wochen intensiver. Nutze es auch, wenn du den Futternapf hinstellst. 

Der beste Weg: Führe ein Futter-Ritual ein!

Um Futter-Aggression zu vermeiden, kannst du auch ein einfaches Futter-Ritual einführen, das aus zwei Schritten besteht:

  1. Das eigentliche Futter-Ritual
  2. Die Sicherheit, dass das Futter nicht verteidigt werden muss

Und das geht so:

Du füllt den Napf. Dein Hund steht, sitzt oder liegt bei dir und beobachtet dich dabei sehr genau. Nachdem du fertig bist, stellst du ihm das Futter aber nicht hin, sondern du lässt ihn eine Weile dafür arbeiten.

Dazu setzt du ihn ab (»Sitz!«). Dann soll er dich mindestens 10 Sekunden lang ununterbrochen anschauen. Er darf sich nicht rühren. Und er darf nicht eine halbe Sekunde wegschauen. Er darf auch nicht auf den Futternapf schauen; sondern er soll dich anschauen.

Klappt das schon gut und sicher, stellst du das Futter ganz ruhig und selbstbewusst auf den Futterplatz. Gleichzeitig achtest du darauf, dass der Hund weiterhin sitzt. Steht er zwischenzeitlich auf, bringst du ihn sofort - also schon beim Versuch, jetzt aufzustehen - wieder ins »Sitz!«

Dann wartest du weitere 10, 20, 30 Sekunden, in denen der Hund dich anschauen soll. Jetzt darf er schon unaufmerksamer werden (denn ja: Es drängt ihn nach dem Futter.) Aber ideal wäre es, wenn er dich weiterhin ununterbrochen anschaut.

Bleibt er ruhig sitzen, darf er fressen. Führe hierzu ein Erlaubnis-Kommando ein, das sich von allen anderen Kommandos unterscheidet: »Guten Appetit!«; oder so.

Direkt danach trittst du deutlich vom Futternapf zurück. Entferne dich mindestens 2 - 3 Meter davon. Du kannst natürlich auch den Raum verlassen. Aber beachte den Hund nicht mehr! Fasse ihn nicht an. Schaue ihn nicht an. Rede nicht mit ihm; schon gar nicht beschwichtigend oder lobend.

Lass ihn einfach in Ruhe fressen, bis er sich von allein abwendet (meist, weil der Napf leer ist). Erst dann schenke ihm wieder Aufmerksamkeit.

Futter ist IMMER Belohnung! Belohne deinen Hund für richtiges Verhalten mit Futter. Auch bei der eigentlichen Fütterung soll er sich richtig verhalten. Und "richtig" ist: Dein Hund ist ruhig, entspannt und gehorsam.

Der eigentliche Trick findet VOR dem Fressen statt! Du hast nur eine Chance, Korrekturen vorzunehmen, solange dein Hund noch nicht (instinktiv) frisst. Deshalb setze VOR DEM FRESSEN an. Sobald er den Kopf im Napf hat, bist du ihm ziemlich egal. Dann kontrollieren ihn nur noch seine Instinkte.

Du bekommst es beim besten Willen nicht in den Griff?

Wir haben es bereits dutzendfach gesagt: Es ist immer besser, wenn du dir allein Gedanken um die Lösung deiner Probleme machst. So lernst du sehr viel mehr über deinen Hund, als wenn du es ständig vom Tier-Trainer oder Tier-Psychologen "geraderücken" lassen willst.

Doch wenn sich die Futter-Aggression zu einem ernsthaften Problem ausweiten sollte oder könnte; etwa, wenn kleine Kinder im Spiel sind, dann zögere nicht zu lange, einen professionellen Trainer anzurufen!

Je länger du wartest, desto mehr verfestigt sich das Problem beim Hund, desto mehr ritualisiert er die Aggression. Dann kostet es umso mehr Zeit und Mühe, das wieder zu richten und EUCH BEIDE (Ja, "beide"! Denn ihr beide macht Fehler.) wieder auf die richtige Spur zu setzen.