»Hilfe, ich habe einen Problem-Hund!«

Wann immer Menschen in die Situation kommen, dass sie ein ernsthaftes Problem mit ihrem Hund bekommen, ist ihre erste Reation immer:

»Mein Hund! Der ist nicht ganz dicht!
Der läuft nicht rund! Der hat ein Problem!
Ganz offensichtlich habe ausgerechnet ich
einen Problem-Hund erwischt.
«

Das ist zwar ein völlig natürliches Verhalten; schließlich werden wir in dieser Gesellschaft darauf gedrillt, selbst keine Fehler machen zu dürfen. Aber es hilft uns bei der Lösung der Probleme mit dem Hund nicht weiter...

Frage: Ist mein Hund wirklich ein Problem-Hund?

Im Grunde ist es ganz einfach herauszubekommen, ob ausgerechnet mein Hund ein "Problem-Hund" ist. Stelle dir einfach nur die folgenden Fragen ... und beantworte sie ehrlich:

  1. Verhalten sich alle Hunde dieser Rasse so?
  2. Kann ich mit Sicherheit ausschließen, dass mein Hund gesundheitliche - also körperliche & geistige - Probleme hat? (Tierarzt aufsuchen!)
  3. Besitzt mein Hund Grundvertrauen in mich?
  4. Verstehe ich die Bedürfnisse meines Hundes wirklich?
  5. Gebe ich meinem Hund wirklich, was er braucht?

In den nachfolgenden Abschnitten findest du ausführliche Informationen zu den einzelnen Fragen. Nimm dir Zeit und beantworte jede einzelne so ausführlich und ehrlich, wie du kannst. Winke nicht ab, sage nicht, dass du dieses oder jenes schon weißt. Wenn du es wirklich wüsstest (und befolgt hättest), dann hättest du jetzt keinen "Problem-Hund"...

Nur absolute Ehrlichkeit hilft weiter! Sei ehrlich zu dir selbst! Probleme löst du nur, wenn du sie selbst dann analysierst, wenn es schmerzt und du dir vielleicht eingestehen musst, selbst Fehler gemacht zu haben.

1. Verhalten sich alle Hunde dieser Rasse so?

Natürlich haben wir alle bestimmte Vorstellungen, wie sich ein Hund verhalten soll. Er soll anschmiegsam, lieb, nett, zuvorkommend, artig ... und ... und ... und ... sein. Kurz gesagt, er soll ein gutes Mitglied der Familie sein.

Doch schon hier gibt es erhebliche Rasse-Unterschiede. Manche Rassen wurden beispielsweise darauf gezüchtet, sehr selbständig zu arbeiten. Denen fällt es dann auch schwerer, sich "unterwürfig" zu verhalten und jedes Kommando auszuführen. Wieder andere Rassen wurden für die Jagd gezüchtet. Denen steckt der Jagd- und Beutetrieb in den Knochen. Sie können einfach nichts dafür, wenn sie draußen allem hinterherlaufen wollen, was sich bewegt und wie Beute verhält.

Insofern informiere dich spätestens jetzt genauer über das Wesen dieser Rasse! Zu welchem primären Verwendungszweck wurde diese Rasse gezüchtet? Was ist die Arbeitsaufgabe des Hundes? Was sind seine rasse-typischen Charaktereigenschaften?

Und dann vergleiche dieses Wissen mit deinem Hund: Ist dein Hund hier "auffällig"? Benimmt er sich nicht so, wie es für seine Rasse vorgesehen ist?

2. Kann ich mit Sicherheit ausschließen, dass mein Hund gesundheitliche (körperliche & geistige) Probleme hat?

Hunde können nicht sagen: »Mensch, ich habe solche Schmerzen in der Hüfte; ich könnte verrückt werden.« Und auch geistige Probleme/Krankheiten können so manches "Fehlverhalten" des Hundes verursachen.

Deshalb solltest du UNBEDINGT vom Tierarzt prüfen lassen, ob dein Hund vielleicht irgendwelche unentdeckten und/oder nicht richtig behandelten Probleme hat.

Denn was nutzt es, wenn dein Hund vor Schmerzen durchdreht und du ihm nun Disziplin und Ordnung beibringen willst?

3. Besitzt mein Hund Grundvertrauen in mich?

Das ist die erste wirklich schwierige Frage: »NATÜRLICH! Was für eine Frage. Mein Hund vertraut mir vollkommen. Wir beide sind eine untrennbare Einheit.«, möchten wir spontan antworten. Doch wir sollten hier WIRKLICH EHRLICH sein. Und deshalb sollten wir die Frage auch wie ein Außenstehender beantworten:

Hört mein Hund ohne Mullen und Knullen jederzeit auf Kommandos, wie »Hier!«, »Bleib!«, »Komm!«, »Sitz!«, »Platz!«, »Aus!« und »Nein!«? Diese 7 Grundkommandos sollte jeder Hund beherrschen.

Mindestens »Komm!« (Abrufen des Hundes) und »Nein!« oder »Aus!« (also damit aufhören, was er gerade macht) sollte JEDER Hund beherrschen und jederzeit(!) befolgen.

Dein Hund tut sich damit schwer? Er hört nie oder nur manchmal? ... Nun, dann sei versichert: Es fehlt deinem Hund am Grundvertrauen in dich und deine Fähigkeiten, euch beide sicher durch alle Gefahren zu führen. Und das wird dein Hund immer versuchen, durch eigene Aktivitäten (Bellen an der Tür und/oder am Zaun, Hetzen von Radfahrern, scheinbare Schwerhörigkeit/Taubheit bei den Grundkommandos, etc.) auszugleichen.

Denn seine Instinkte sagen ihm: »Wenn du es nicht machst; einer muss doch die Gefahren abwenden, die da auf uns zukommen. Also mache ich es.« ... Und - *zack*! - schon hast du einen "Problem-Hund"...

Einfacher Test: Lasse deinen Hund auf einer Wiese von der Leine. Gib ihm 5 Minuten, sich auszutoben. Dann rufe ihn EINMAL zu dir (»Tarzan! Komm!«). Nur ein einziges Mal. Hört er auf dich? Kommt er zu dir? Bleibt er dann bei dir? Wenn nicht: Deinem Hund fehlt es an Grundvertrauen zu dir.

4. Verstehe ich die Bedürfnisse meines Hundes wirklich?

Wir alle - auch ich ertappe mich immer wieder dabei - projizieren gern auf unseren Hund, was WIR uns vorstellen. Wir geben ihnen jede Menge Zuneigung (Davon kann es gar nicht genug geben, nicht wahr?!); wir stopfen sie mit leckeren Sachen voll (Schließlich soll der Hund ja nicht wie ein Hund leben, oder?!) und wir lassen ihnen alles mögliche durchgehen (zum Teil aus eigener Faulheit heraus, weil man gerade keinen Bock hat, "Erziehungs-Arbeit" zu leisten; zum Teil aber auch aus unserer - zumeist falsch verstandenen - Liebe zum Hund heraus), ...

Kurz gesagt: Wir neigen sehr oft dazu, unseren Hund zu vermenschlichen.

Doch ganz egal, welcher Rasse unser Hund angehört: Es ist und bleibt ein Tier, ein Hund. Und als solcher hat er auch eine ganz eigene Sicht auf die Welt. Und natürlich hat er auch eigene Vorstellungen und Bedürfnisse.

Es stellt sich also die Frage: Verstehe ICH die Bedürfnisse meines Hundes? Weiß ich, was meinem Hund wirklich gut tut? Oder bin ich gerade mal wieder darin gefangen, meinen Hund allzu sehr zu vermenschlichen? (Ja, hier entstehen die allermeisten Verhaltensprobleme der "Problemhunde".)

5. Gebe ich meinem Hund wirklich, was er braucht?

Nachdem wir im Punkt (4) geklärt haben, WAS unser Hund wirklich braucht, müssen wir uns nun der Frage stellen, OB wir dem Hund auch wirklich geben, was er braucht.

Dein Hund kann beispielsweise sein ganzes Leben lang ohne ein einziges Stückchen Leckerlie oder Streicheleinheiten auskommen ... und trotzdem der glücklichste und zufriedenste Hund der Welt sein. Du kannst sein Glück also nicht durch Bestechung erreichen.

Stattdessen erwartet er von dir, ein guter Rudelführer zu sein. Einer, auf den man sich verlassen kann. Einer, der versteht, dass der Hund nicht nur zum "Gassi-Gehen" raus muss, sondern dass es für ihn zum Wohlbefinden gehört, mindestens einmal am Tag für 1, 2 Stunden "an die frische Luft" zu kommen. Nicht, weil er sich den Kopf freipusten lassen will; sondern, weil seine Instinkte ihm sagen, dass "Wandern" zum Leben gehört.

Gegen diese Instinkte kommen weder du noch dein Hund an. Dein Hund kann sich eine Weile lang bemühen, sie zu unterdrücken. Du kannst dich eine Weile von deinen Verpflichtungen freikaufen. Doch über kurz oder lang (meist schon nach wenigen Wochen) stellen sich die ersten Symptome eines "Problem-Hundes" ein, wenn du ihm nicht geben kannst (oder willst), was er wirklich braucht.

Brauche ich eine Hundeschule? Brauche ich professionelle Hilfe?

Natürlich gilt hier absolut: Wenn es gefährlich wird (Beißen, Kleinkinder oder Fremde in Gefahr, etc.), zögere nicht, einen Profi zu konsultieren! Doch die allermeisten Probleme kannst - und SOLLTEST - du ganz allein lösen.

Nicht nur, weil du so mehr über deinen Hund und seine Bedürfnisse lernst, sondern auch - und vor allem -, weil du am Ende sowieso wieder mit deinem Hund allein und ohne professionelle Hilfe leben willst. (Es sei denn, du willst, dass der Profi in deinem Haushalt einzieht.)

Spätestens dann musst du dich sowieso mit den Problemen deines Hundes auseinandergesetzt haben. Denn sonst kehren sie schneller wieder zurück, als der Profi dein Haus verlassen kann.

1. Gefahr in Verzug? Umgehend Profi konsultieren! Zögere nicht! Je länger ein Problem besteht, desto schwieriger ist es wieder wegzubekommen.

2. Du kannst die Fragen nicht beantworten? Profi konsultieren, damit er dir dabei hilft! NUR EHRLICHKEIT hilft hier aus den Problemen heraus. Belüge dich also nicht selbst! Damit schadest du nur dem Hund und dir.

3. Versuche, deine/eure Probleme allein zu lösen! Nur so kannst du verhindern, dass die Probleme zurückkehren, wenn der Profi wieder geht.

Herrgott, noch mal! Das klingt alles soooo unendlich kompliziert und schwierig!

Das oben Gesagte klingt nach einem gewaltigen Brocken, oder?! Es scheint schon fast ein "Hunde-Studium" vorauszusetzen. Doch tatsächlich hat ein glückliches Hunde-Leben überhaupt nichts mit "Studium" und "Raketentechnik" zu tun.

Dein Hund braucht eigentlich sogar sehr wenig:

  • Gib ihm TÄGLICH körperliche Auslastung! (ausgiebige Spaziergänge, körperlich anstrengende Spiele)

  • Gib ihm TÄGLICH geistige Auslastung! (Tricks beibringen, Suchspiele für Auge und Nase)

  • Sei IMMER konsequent! (Setze durch, dass geschieht, was geschehen soll! Nicht laut oder gar mit körperlicher Züchtigung, sondern ruhig und bestimmt)

  • Verlange MEISTENS Disziplin! (in jeder guten Familie gibt es Regeln; doch nicht alles muss geregelt werden; und nicht immer muss jede Regel 100%ig eingehalten werden)

  • Gib EIN BISSCHEN Zuneigung! (Streicheleinheiten sind wie Schokolade: es ist zwar wahnsinnig lecker; doch zu viel davon macht dich fett und krank)

Das ist das Rezept für ein glückliches Hundeleben. ... und auf einmal klingt es gar nicht mehr soooo unendlich kompliziert, oder?! Eigentlich ist es sogar ziemlich einfach, nicht wahr?!