Wie regeln Hunde den Führungsanspruch?
Hat der Stärkste das Sagen?

Vor etlichen Jahrzehnten glaubte man noch, dass man seinen Hund unterwerfen kann, indem man ihn anschreit und seine körperliche Kraft und Überlegenheit demonstriert. Man glaubte damals, dass Hunde und Wölfe das genauso machen: Sie holen sich die Führung einfach "mit ihren Klauen und Zähnen".

Diese Lehre gehört zur ganz alten Schule; also zu der Zeit, als auch in der Schule die Prügelstrafe noch alltäglich war und der Vater sein Kind zu Hause mit dem Gürtel verprügelte, wenn es ungehorsam war.

Zwar helfen uns auch heute nur allein "Bienchen & Lob" nicht wirklich weiter, doch die körperliche Kraft wurde mittlerweile weitgehend durch die geistige Kraft ersetzt: Man hat von den Hunden (und Wölfen) gelernt; und den Glauben durch mehr Wissen ersetzen können.

Aber schauen wir es uns in Ruhe an.

Was bedeutet Dominanz überhaupt?

In aller Kürze: Dominanz bedeutet Vorherrschaft. Einer oder mehrere Anführer haben also die Vorherrschaft und treffen die Entscheidungen für das gesamte Rudel: Wann wandern wir? Wann ruhen wir? Was jagen wir? Wie verteidigen wir? Fliehen wir? Kämpfen wir?

In natürlichen Rudeln - etwa bei Wölfen - sind die Anführer meist ein Paar: Herr und Frau Wolf. Das Rudel besteht dabei oft aus den eigenen Kindern der letzten drei Würfe. Ältere Jungtiere "ziehen aus" und gründen ein eigenes Rudel. Gelegentlich werden aber auch andere Verwandte und sogar fremde Tiere in das Rudel aufgenommen. (Also im Grunde alles so, wie bei den Menschen auch.)

In gemischten Rudeln (also bei Tieren, die größtenteils nicht miteinander verwandt sind; oder eben beim "Mensch-Hund-Rudel"), übernehmen die Rolle des Anführers typischerweise die durchsetzungstärksten - lies: die dominantesten - Mitglieder des Rudels. Dabei gilt: Findet sich niemand für den Job, weil ihn niemand machen will, wird der "Nächstbeste" dazu erkoren. Mindestens einer muss den Job also machen.

Beißen sie sich an die Spitze?

Ganz klar: Nein! Hunde akzeptieren die Vorherrschaft ihrer Anführer sehr geduldig. Nur, wenn der Anführer dauerhaft klare Schwächen in der Führung zeigt, beginnen dominantere Tiere - zuerst mit Andeutungen;  nach längerer Zeit und mehreren Steigerungsstufen auch mit ritualisierten Beißereien - Anspruch auf das Amt zu erheben.

Der Grund ist ganz einfach: Hunde haben scharfe Waffen. Würden sie die bei jeder Auseinandersetzung einsetzen, wäre das ganze Rudel bald geschwächt und kurz darauf tot. Verletzungen aus Streitereien würden dazu führen, dass sie nicht mehr (gemeinsam) jagen könnten. Der Hunger würde sich einstellen. Und entweder würden die verbliebenen Tiere dann verhungern oder von konkurrierenden Rudeln vertrieben werden.

Mutter Natur hat den Hunden (und Wölfen) Hierarchien und Dominanz gegeben, um blutige Auseinandersetzungen auf ein Minimum zu beschränken.

Wer hat das Sagen in einem Rudel?

Die Natur versucht, "den bzw. die Cleversten" für die Rolle des Anführers vorzusehen. Es sollte ein Anführer sein, der mutig, aber nicht übermütig ist. Einer, der weiß, was zu tun ist. Einer, der die richtigen Entscheidungen für das gesamte Rudel treffen kann.

Hunde, die sich dabei bevorzugt mit körperlicher Gewalt durchzusetzen versuchen, sind denkbar ungeeignet dafür. Sie würden sich zu oft für »Kampf statt Flucht!« entscheiden und damit die Sicherheit und das Überleben des Rudels gefährden.

Deshalb hat die Natur einen anderen Weg gewählt, um den bzw. die bestgeeigneten Anführer eines Rudels zu finden.

Wie beanspruchen sie die Führung des Rudels?

Wenn du Hunden zuschaust, wie sie ihre Dominanz demonstrieren, dann wirst du oft auf den ersten Blick GAR NICHTS feststellen. Es scheint irgendwie unsichtbar zu passieren. Also fast. Denn tatsächlich kann man es sehen ... wenn man weiß, worauf man achten muss.

Wenn du nämlich genauer hinschaust, dann wirst du in fast jeder Gruppe von Hunden sehr schnell ein, zwei, drei Hunde sehen, die sich "irgendwie merkwürdig" verhalten. Sie benehmen sich ein bisschen wie ein Hausmeister auf dem Schulhof: Sie beobachten. Die anderen Hunde. Und die Umgebung. Und wenn sie etwas sehen, was sie stört, dann gehen sie hin und demonstrieren dem Störer, dass er das, was er da gerade macht, gefälligst unterlassen soll.

Das geschieht immer zuerst mit ganz winzigen Zeichen: Mal blockieren sie den Weg des anderen Hundes. Mal stupsen sie ihn an. Mal stellen sie sich quer oder schräg vor den anderen Hund und knurren kurz. Und manchmal, wenn sie oft genug ermahnt haben, werden sie auch energischer. Unerfahrene Hundehalter glauben dann gern: »Oh Scheiße! Die beißen sich! Macht doch was dagegen!«

Tatsächlich ist also der Anspruch stark ritualisiert. Der dominante Hund sagt: »Ich weiß, dass ich könnte. Und du weißt, dass ich könnte. Darum brauchen wir nicht. Denn du wirst mir gehorchen und es nicht darauf anlegen.«

So vermeidet die Natur blutige Auseinandersetzungen und kann gleichzeitig die durchsetzungsstärksten Tiere "befördern". Weitestgehend ohne körperliche Gewalt.

Holen sie sich denn nie die Führung mit Gewalt?

Nein, nie! Hunde "putschen" nicht. Das widerspricht ihren Instinkten; denn es wäre zu gefährlich für die Sicherheit des Rudels insgesamt.

Wenn Hunde Gewalt gegen ihren aktuellen Anführer anwenden, dann ist das aus ihrer Sicht reine Notwehr zum Schutz - also sowohl zum Eigenschutz als auch zum Schutz des Rudels: Dann hat der Anführer schon sehr lange Zeit in vielen großen und kleinen Dingen versagt.

Wenn er sich dann aber trotz all der Warnungen im Vorfeld immer noch an den Führungsanspruch klammert, dann - und nur dann - wenden Hunde auch Gewalt an. Doch nicht, um sich selbst die Macht zu holen; sondern um instinktiv das Rudel zu schützen. Denn nun muss der "Nächstbeste" den Job übernehmen.

Was bedeutet das für uns?

Wir - als Menschen - müssen nun eine Entscheidung treffen:

Entweder lernen wir die Hunde-Sprache und demonstrieren unseren Hunden unseren Führungsanspruch "auf die Hunde-Art". Dazu müssen wir jedoch verstehen lernen, wie das Ritual des Führungsanspruchs funktioniert. Und wir müssen begreifen, dass wir JEDEN TAG daran arbeiten müssen, den Respekt unseres Hundes zu behalten.

Oder wir fallen in die krassen Extreme. Das bedeutet, dass der Hund in seiner Verzweiflung die Führung selbst übernehmen muss (und wird), wenn der Mensch sie nicht beansprucht. Oder es bedeutet, dass man in die alte Schule der dauerhaften Prügel zurückkehren muss, dass man dem Hund also - wie früher - den Ungehorsam mit Gewalt ausprügelt, um seinen Anspruch gegen einen immer wütender und ungezogener werdenden Hund zu verteidigen. (Letzteres ist jedoch wegen der Tierschutzgesetze heute verboten.)

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