»Hund und Wolf haben sich auseinander entwickelt!«
... oder doch nicht?

Vielfach wird in den verschiedenen Religionen, die es um die Hunde-Erziehung gibt, behauptet:

»Hund und Wolf haben sich auseinander entwickelt. Sie haben keine Gemeinsamkeiten mehr.«

Aus diesem zentralen Argument leitet man nun verschiedene "moderne Erziehungs-Methoden", darunter insbesondere die sogenannte "positiv-bestärkende Erziehung", ab.

Schauen wir uns das in diesem Abschnitt etwas genauer an.

( Hinweis: Dieses Thema erzeugt offenbar sehr viele Emotionen. Wir freuen uns wirklich über sinnvolle Debatten-Beiträge an info@solmon.eu zu diesem Thema. Troll-Beiträge werden jedoch ungelesen entsorgt; es lohnt also die Mühe des Schreibens gar nicht.)

Vor rund 15.000 Jahren ...

Vor rund 15.000 Jahren begannen die Menschen, Hunde zu halten. Sie begannen mit zahmen Wölfen, und sie züchteten bis heute ca. 350-500 verschiedene offiziell anerkannte Rassen von Hunden; und obendrein noch unzählige "Misch-Rassen". Dabei legten sie Wert auf die unterschiedlichsten Eigenschaften:

Die einen Hunde sollen vor allem bedrohlich aussehen, andere Hunde sollen besonders gut hüten und die Herde bewachen können, wieder andere wurden zu unterschiedlichsten Zwecken der Jagd gezüchtet. Es gibt bullige Hunde, die ordentlich was wegziehen können. Es gibt mutige Hunde, die sich nicht einmal fürchten, sich mit einem wütenden Wildschwein anzulegen oder zwischen die stampfenden Beine einer Bullenherde zu springen. Und es gibt niedrige Hunde, die den selbst durchaus ziemlich mutigen Dachs aus seinem tiefen Bau zerren.

Kurz gesagt: Es gibt heute Hunde mit den unterschiedlichsten Eigenschaften, den unterschiedlichsten Größen, dem unterschiedlichsten Körperbau und dem unterschiedlichsten Aussehen. Und nur die allerwenigsten dieser Hunderassen sehen dem Wolf auch nur ansatzweise ähnlich. (Oder käme jemand auf die Idee, einen Mops mit einem Wolf zu verwechseln?)

Wie kann man da noch glauben, dass unser Hund auch nur im Ansatz noch ein Wolf sei? Das ist doch geradezu archaisches Denken! ... Oder?!

Punkt 1: Sie können gemeinsam Nachwuchs zeugen

»Heutige domestizierte Hunde sind ungefähr so sehr mit Wölfen verwandt, wie Menschen mit den Schimpansen.«, ist eines der Hauptargumente der Verfechter der "Nicht-Wolf-Theorie", darunter auch so mancher bekannte Fernseh-Hundetrainer.

Lassen wir uns jedoch von ihrer Bekanntheit nicht beeindrucken, sondern schauen uns stattdessen das Argument genauer an, dann stellen wir folgendes fest:

Nun, jeder, der im Biologie-Unterricht aufgepasst hat, weiß, dass nur sehr eng miteinander verwandte Arten gemeinsame Nachkommen zeugen können.

Beispielsweise ist es völlig ausgeschlossen, dass ein Schimpanse und ein Mensch gemeinsame Kinder haben können. Hingegen ist heute erwiesen, dass der Neanderthaler und der Homo sapiens durchaus gemeinsame Kinder hatten.

Und wenn Pferd und Esel miteinander gepaar werden, dann entsteht daraus der Muli (auch "Maultier" genannt) bzw. der Maulesel. Diese sind jedoch in der Regel selbst nicht mehr fortpflanzungsfähig. (Es gibt wenige zufällige Ausnahmen.)

Hund und Wolf können jedoch BIS HEUTE sehr wohl gesunde und fortpflanzungsfähige Nachkommen - Wolfshybriden genannt - haben. Da steckt dann in der ersten Generation wieder 50(!) Prozent reines Wolfsblut drin.

Und weil das alle - außer den Vertretern der Nicht-Wolf-Theorie - wissen, gibt es sogar Schutzgesetze für diese Hybriden: Sie unterliegen bis zur 4. Generation (also bis "nur noch" 25 Prozent reines Wolfsblut in den Adern fließen) sehr restriktiven Zucht- und Verkaufsbedingungen.

Punkt 2: Identisches instinktives Verhalten

Auch im Verhalten ähneln Wolf und Hund sich mehr, als wohl manchem lieb ist:

Das Bett kuschelig treten. Sicher hast du es auch bei deinem Hund schon bemerkt: Bevor er sich hinlegt, dreht er sich einige Male im Kreis. Zuhause macht das überhaupt keinen Sinn; doch in der freien Natur diente dieses Verhalten dazu, das Gras herunterzutreten und alles, was auf dem Platz herumliegt (Käfer, kleine Stöcker, etc.) wegzukicken, um gemütlicher liegen zu können.

Das Gesicht ablecken. ("Küsschen geben") Hunde und Wölfe küssen einander aus verschiedenen Gründen. Es kann beispielsweise Zuneigung bedeuten. Oder Unterordnung. Oder Betteln (um Futter).

Futter oder Spielzeug vergraben. Für einen Haushund macht das nicht den geringsten Sinn. Niemand macht ihm das Futter und schon gar nicht das Spielzeug streitig. Trotzdem wirst du es auch bei deinem Hund gelegentlich beobachten können: Er vergräbt doch tatsächlich einen Knochen oder irgendein Spielzeug. In der freien Natur machen Wölfe das, um vorhandenes Restfutter vor Fressfeinden zu sichern.

Das allseits beliebte "Suhlen im Matsch oder stinkendem Zeug". Bis heute streiten sich die Experten, welchen genauen Sinn dieses Verhalten für den Wolf hat. Doch ob es nun der Geruchstarnung, der optischen Tarnung, der Fellpflege, allem zusammen oder gar nichts davon dient: Hunde machen es auch nach 15.000 Jahren immer noch mit großem Genuss.

Fressen, bis der Futternapf leer ist. Vielleicht hat ja jemand vergessen, es den Hunden zu sagen. Aber seitdem er mit dem Menschen lebt, ist sein Futter ziemlich sicher. Zwar war es in den ersten Jahrtausenden noch nicht völlig sicher; doch seit der Mensch Ackerbau und Viehzucht betreibt, ist Futterknappheit eher die Ausnahme als die Regel. Ganz besonders gilt das seit rund 70 Jahren, wo es - zumindest in der westlichen Welt - wirklich überhaupt keine "Futterengpässe" mehr gibt.

Schnüffeln am Hintern (bzw. an den Geschlechtsteilen). Diese sogenannte "chemische Kommunikation" teilen Hunde bis heute ebenfalls mit den Wölfen. Hund und Wolf erfährt dadurch viel über das "beschnupperte" Individuum: Welches Futter es zu sich genommen hat, wie es emotional drauf ist, wie es ihm gesundheitlich geht, und vieles mehr.

Schwanzwedeln. Seit 15.000 Jahren lebt der Hund mit dem Menschen. Bestenfalls in Mini-Rudeln; doch IMMER mit dem Menschen im Mittelpunkt. Trotzdem haben Hunde die Kommunikation mit dem Schwanz bis heute nicht aufgegeben. Mehr noch: Die Kommunikations-Signale, die Hunde mit dem Schwanz aussenden, sind zu 100 Prozent identisch mit denen, die ein Wolf aussendet.

Überhaupt: die gesamte(!) Körpersprache. Die gesamte Körpersprache von Hund und Wolf sind vollkommen identisch. Beide sprechen exakt dieselbe Sprache. Und das nach 15.000 Jahren. (Menschen schaffen es ja nicht mal, eine Sprache oder einen Dialekt länger als etwa 100 Jahre aufrecht zu erhalten, ohne sie bzw. ihn gravierend zu verändern und den sich verändernden Gegebenheiten anzupassen.)

Diese Liste ließe sich noch um einiges erweitern. Beispielsweise das Markieren an Büschen und Bäumen; oder das ausgiebige Schnüffeln an ebendiesen Markierkungen; oder das Zurückziehen zwischen deine Beine, bei Unsicherheit oder Angst; oder das "Gähn-Jaulen", also das gleichzeitige ausgiebige Gähnen und Jaulen, als Stress- bzw. Angstsignal; oder das Schütteln, um Stress abzubauen; oder die Bereitschaft "im Rudel mitzuheulen"; ...

Wie gesagt: Es könnte noch eine ganze Weile so weitergehen.

Nichts davon hat der Hund sich ausgedacht oder in den 15.000 Jahren gemeinsamen Lebens mit den Menschen abgelegt oder neu dazugelernt. Vielmehr sind es immer noch die alten Ur-Instinkte des Wolfes, die ihn genau das tun lassen.

Punkt 3: Die "typischen Hunde-Probleme"

Wir haben die typischen Hunde-Probleme schon an den verschiedensten Stellen betrachtet, daher hier nur eine kurze Auflistung der vier typischen Probleme, die Hundehalter mit ihren Hunden haben:

  1. Ressourcenverteidigung
  2. Aggressionen gegen alles Fremde und bedrohlich Wirkende
  3. Verlassensängste
  4. Auflehnung gegen die Hierarchie; mangelnde Unterordnungsbereitschaft; (beim Hund die "selektive Taubheit" in Bezug auf Kommandos)

Auch das ist typisches Verhalten, das du bei Wolf und Hund gleichermaßen findest. Nur, dass es beim Wolf in der freien Natur keine besonderen Probleme bereitet, sondern als "natürliches Verhalten" akzeptiert wird; beim Hund in der Stadtwohnung einer menschlichen Welt hingegen sehr wohl zum Problem wird.

... und das nach 15.000 Jahren der gezielten Zucht: Sind die Züchter alle unfähig, oder warum züchten sie den Hunden diese bei einem Haushund sehr störenden Instinkte nicht einfach weg, wenn der Hund schon nicht bereit ist, sie allein aufzugeben?

Gegenargument 1: Hunde können die Körpersprache des Menschen lesen

Nun, ... nein. Das können sie nicht. Also nicht "von Natur aus". Aber sie lernen unsere Körpersprache, weil sie unter uns aufwachsen. Genauso, wie domestizierte Wölfe, die beim Menschen aufwachsen.

Und genauso, wie Menschen, die mehrsprachig aufwachsen, ganz natürlich akzentfrei mehrere Sprachen sprechen können und sich in den unterschiedlichen Kulturen der sie aufziehenden Eltern zurechtfinden, wenn diese von ihnen vermittelt werden.

Der Unterschied ist dabei vor allem, dass der Wolf nur wenig Lust verspürt, sich dem Menschen unterzuordnen. Allerdings gibt es bis heute auch Hunderassen, die sich nur sehr, sehr schwer erziehen lassen. Und so mancher Hund - ganz egal, welcher Rasse - kann genauso eigensinnig wie ein Wolf sein.

Gegenargument 2: Hunde spielen am liebsten den ganzen Tag

Nun, ... nein. Das machen sie nicht. Das Spiel des Hundes ist ein Not-Ersatz für die fehlenden Aufgaben im Rudel. Es ist ihr Hobby, ihre Ersatzbefriedigung.

Abgesehen davon: Auch Wölfe spielen. ... wenn sie die Zeit dafür haben.

Ganz genauso, wie auch du dir ein Hobby suchst - und sei es "Angeln gehen" oder "Briefmarken sortieren" -, wenn dich die Langeweile dauerhaft plagt. Mache die Probe aufs Exempel! Gib deinem Hund eine Aufgabe im Rudel! Und du wirst sehen, dass er sie mit Begeisterung und großer Ernsthaftigkeit ausfüllt; ohne dabei sein Spiel zu vermissen.

Gegenargument 3: Wölfe bilden Rudel aus Verwandten

»Wolfsrudel bestehen in der Regel aus einem erwachsenen Paar (dem Alpha-Paar) und dem letzten bis drittletzten Wurf. Sie sind alle miteinander verwandt. Lediglich bei Wolfs-Rudeln, die man aus nicht miteinander verwandten Tieren zusammensperrte, wurden (blutige) "Alpha-Kämpfe" beobachtet.«, lautet ein weiteres Gegenargument. Und man verweist dabei auf eine ziemlich eindrucksvolle Liste von herausragenden Experten: Schenkel, Rabb, Zimen, Lockwood, van Hooff et al.

Yep. Das ist wahr. Aber damit endet das Problem nicht, sondern es beginnt erst:

Entstammen meine Hunde jetzt also den letzten Würfen meiner Frau? Oder habe ich sie wenigstens gezeugt? Denn wehe uns allen, wenn nicht! Dann sind meine Hunde und ich nämlich nicht miteinander verwandt. Und wir wurden "zusammengesperrt".

Heißt das also, dass meine Hunde insgeheim (blutige) Alpha-Kämpfe planen?

Oder - noch viel schlimmer - wollen wir einfach potenziell lebensgefährliches Verhalten (siehe "(blutige) Alpha-Kämpfe") wegleugnen, nur, weil es nicht in unser Weltbild passt?

Abgesehen davon: "Alpha" ist nicht ein anderes Wort für "Kampf". Tatsächlich bedeutet es vielmehr "Führung" bzw. "Führungsanspruch". Den muss man nicht zwingend mit Kampf durchsetzen. Das geht auch mit schlichter Autorität; also echter Dominanz.

Gegenargument 4: Hunde bilden keine "gemischten Rudel" mit Menschen. Also gibt es auch keine Alpha-Stellung für den Menschen!

»Wölfe organisieren sich in hierarchischen Rudeln. Hunde auch. Doch Hunde bilden niemals "gemischte Rudel" aus Menschen und Hunden. Deshalb kann es auch logischerweise gar keine Alpha-Stellung des Menschen geben.«, heißt es oft.

Auch das ist wahr. Also zum Teil. Also als "Political Correctness". Denn aus irgendeinem unerfindlichen Grund akzeptieren mich meine Hunde. Wir teilen das Revier. Wir teilen das Futter (naja, sie dürfen ihres behalten; dafür teile ich manchmal meines mit ihnen). Wir arbeiten gemeinsam. Wir wandern gemeinsam. Wir leben gemeinsam. Wir schlafen gemeinsam (mehr oder weniger; denn im Bett werden sie nachts so groß, wie Elefanten). Wir beschützen uns gegenseitig. Wir kümmern uns gemeinsam um den Nachwuchs und den  Zuwachs.

Kurz gesagt: Wir machen so ziemlich alles sehr einträchtig gemeinsam in unserem kleinen gemischten ... "Rudel" sollen wir es ja nicht nennen. ... Wollen wir "gemischte Familie" oder "Patchwork-Familie" sagen? Wäre das politisch korrekt genug?

NATÜRLICH wissen meine Hunde, dass ich kein Hund bin. Sie sind ja nicht dumm, taub und blind. Und dennoch akzeptieren sie mich als einen der ihren. Sie akzeptieren mich sogar so sehr, dass sie meine leider nur gebrochenen Kenntnisse der Hunde-Körpersprache einfach damit kompensieren, dass sie sehr aufmerksam und ganz freiwillig MEINEN "Hunde-Körpersprache-Akzent" lernen, um mich besser zu verstehen und besser in ihre Artgenossen-Gruppe integrieren zu können.

Tatsächlich akzeptieren sie mich so sehr, dass sie sogar kommen, wenn ich sie rufe. Und dass sie, wie alle Rudel-Tiere, ganz egal, ob Wolf oder Hund, sich an mir orientieren, wenn wir im Freilauf wandern bzw. spazieren gehen. Da muss ich sie nicht herumkommandieren oder an der Leine hinter mir herschleifen. Das machen die von ganz allein und ganz freiwillig. Wie in einem gesunden Rudel üblich.

Sie tun also die ganze Zeit so, als sei ich ihr "Anführer", ihr Rudelführer. ... Wollen sie mich wirklich nur täuschen?

Fazit: Wenn es wie ein Wolf aussieht, sich wie ein Wolf bewegt, sich wie ein Wolf verhält, wie ein Wolf kommuniziert und wie ein Wolf heult, dann ist es vermutlich ein Wolf ... oder ein Hund.

Natürlich wünschen wir uns, dass unser netter Golden Retriever nur nett und überhaupt nicht mehr "Wolf" wäre. Natürlich können wir uns nicht vorstellen, dass selbst der niedliche Pekingese immer noch ein Wolf ist. Ich meine: Guck ihn dir doch an! Das soll ein Wolf sein?

Pekingese

Tatsächlich unterscheidet sich das "normale" Verhalten mancher Hunderassen mehr voneinander als vom Wolf.

Um des Hundes willen sollten wir also endlich akzeptieren: In unserem Hund steckt bis heute noch verdammt viel Wolf.

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