Dominanz & Alpha-Führung - Ein Mythos?

Seit einigen Jahrzehnten genießt das Thema »Erziehung« immer mehr öffentliche Aufmerksamkeit. Was früher mehr oder weniger ausschließlich den Experten vorbehalten war, gewinnt immer mehr Präsenz in der allgemeinen öffentlichen Meinung.

Kurz gesagt: Mittlerweile hat praktisch jeder dazu eine Meinung; und praktisch jeder will dabei mitreden ... und glaubt, mitreden zu können.

An dieser Stelle wollen wir uns jedoch nicht mit den psychologischen Mechanismen, etwa dem Dunning-Kruger-Effekt, dem Backfire-Effekt oder der emotionalen Beweisführung, auseinandersetzen. Vielmehr wollen wir uns anschauen, warum es die Meinung, es gäbe bei Hunden (und Wölfen) keine Hierarchien und keine Dominanz, gibt.

Was sind die "typischen Hunde-Probleme"?

Beginnen wir mit der Problem-Stellung, die alle - vom Hundehalter über den Tierpsychologen bis zum Hundetrainer - gleichermaßen anerkennen.

Völlig unabhängig davon, ob man sich beruflich oder privat mit der Erziehung von Hunden beschäftigt; und völlig unabhängig davon, ob man nun eher gewalttätigen oder völlig gewaltfreien Erziehungs-Methoden zuneigt, sind sich doch alle einig, dass es mit Hunden im menschlichen Umfeld stets dieselben Haupt-Probleme gibt:

  1. Ressourcen-Verteidigung

    Ist eine Ressource knapp oder begehrt, wird sie verteidigt.

    "Futter-Neid" ist so eine typische Verteidigungs-Aggression, die jeder zumindest vom Hören-Sagen kennt. Aber auch die (gelegentlich durchaus grimmige) Verteidigung von Spielzeug oder Schlaf- bzw. Liegeplätzen gehört durchaus dazu.

  2. Aggressionen gegen Radfahrer, Jogger, Autos, fremde Menschen und fremde Hunde

    Kurz gesagt: Aggressionen gegen alles Fremde und bedrohlich Wirkende; das "zu nahe" kommt

    Der Hund rennt gegen die Leine an und verhält sich, als wolle er das angebellte Opfer am liebsten umbringen. (Eigentlich will er es zunächst einmal nur einschüchtern und vertreiben. Das mit dem "Umbringen wollen" ist eher selten.)

    Aber auch "Schutzverhalten", etwa, dass der Hund niemanden auf das Grundstück lassen will; oder dass er Fremde daran hindern will, seinem Leinenhalter (und ihm selbst) zu nahe zu kommen, gehört dazu.

  3. Verlassens-Ängste

    Kaum verlassen wir das Haus, schon dreht der Hund durch. Er jault und bellt zum Gott-Erbarmen. Und er beruhigt sich erst, wenn wir wieder da sind.

    Manche Hunde benehmen sich wie eine besoffene Rockband im Hotelzimmer und zerlegen systematisch die gesamte Einrichtung. Andere verlegen sich aufs Ausbrechen. Sie zerkratzen und zerbeißen gezielt Türen, sowie Tür- und Fensterrahmen, bis sie irgendwann tatsächlich im Freien stehen.

  4. »Selektive Schwerhörigkeit«, also etwa das Ignorieren von Kommandos, mangelhafte Leinenführigkeit, (stundenlanges) Weglaufen, Hochspringen an Menschen, etc.

    Mit anderen Worten: All diese Verhaltensweisen, die man unter »allgemeiner Ungehorsam« oder auch »Respektlosigkeit gegenüber den Menschen« zusammenfassen könnte: Der Hund macht trotz Kommandos einfach nicht, was er machen soll oder machen sollte.

    »Er hat eben seinen eigenen Kopf!«, sagen die Einen. »Naja, er ist wohl eher rotzefrech und es fehlt ihm an Unterordnungsbereitschaft«, behaupten die anderen.

Das klingt vertraut, nicht wahr?! Und ja: Gäbe es diese vier Haupt-Problemgruppen nicht, wären die allermeisten Hunde sehr brave Schoß- und Familienhunde. Also wäre es doch ziemlich sinnvoll, wenn man sie ein für allemal lösen würde, nicht wahr?!

Doch dazu muss man sie bei ihrer Wurzel anpacken; man muss die Ursache dieser Probleme finden, um dann eine nachhaltige und effektive Lösung entwickeln zu können.

Woher kommen diese Probleme?

Die große Frage, die nun alle umtreibt, lautet also:

»Woher kommen diese Probleme?«

Denn wenn man weiß, was ihre Ursache ist, dann kann man sie auch erfolgreich behandeln. Dummerweise ist genau das das Problem:

Während die Einen glauben, das seien halt »Erziehungs-Fehler, weil man nicht früh und ausdauernd genug positiv auf den Hund eingewirkt habe.«, glauben andere »Nun ja, das erinnert verdammt an die Ur-Instinkte des Wolfes. Jedes einzelne dieser Probleme lässt sich beim Vorfahren des Hundes, dem Wolf, nachvollziehen.«

Und - *zack!* - schon sind wir mitten in den Religionen der Erziehungs-Methoden angekommen. Denn wir müssen mindestens eine Antwort auf die Frage, was wir denn machen sollen, wenn wir das "früh & ausdauernd genug" verpasst haben, finden.

Preisfrage: Wer erzieht seinen Hund absichtlich zu einem Problem-Hund?
Und vor allem: Wie?

Nehmen wir einmal an, die Hunde haben nicht irgendein geheimes » Wie-ärgere-ich-meinen-Menschen«-Handbuch, in dem sie all die oben genannten Probleme nachschlagen und ausprobieren können:

Wer, bitte schön, erzieht bzw. verzieht seinen Hund zur Ressourcen-Verteidigung, zur Verlassens-Angst, zum Randalieren und zur selektiven Schwerhörigkeit? ... Wer ist so ein Arschloch, dass er seinem Hund das antut; nur um sich und seinen Hund dann monate- oder gar jahrelang damit zu quälen, es ihm wieder "abtrainieren" zu können?

Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass unser Hund das von ganz allein kann? Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass unser Hund all das INSTINKTIV macht? Instinkte, die tief in ihm stecken?! Instinkte, die er VOM WOLF GEERBT hat?! Instinkte also, die immer dann zuschlagen, wenn er keine andere Antwort auf die aktuelle Situation weiß?!

Logische Antwort: Von Anfang an unzählige Fehler gemacht

Es liegt auf der Hand: Viele, nein, die meisten Probleme entstehen, weil man von Anfang an kleine und große Fehler macht.

Anstatt dem Hund ein "hunde-verständliches" Umfeld zu bieten, zwingt man ihn mit menschlicher Arroganz in eine menschliche Welt voller menschlicher Regeln und menschlicher Verhaltensweisen ... und lässt ihn dort im Stich. Er ist wirklich aufrichtig bemüht, sich anzupassen, und er hat deshalb auch unendlich viele Fragen, doch man ist zu blind und zu faul, um sie zu beantworten:

Anstatt seine Fragen zu beantworten, lässt man ihn "Blinde-Kuh" spielen, indem er ALLEIN ERRATEN soll, was wohl die richtige Antwort auf seine Frage sein könnte: »Für richtiges Verhalten wird er belohnt; falsches Verhalten wird hingegen nicht korrigiert, sondern konsequent ignoriert.«, lehrt beispielsweise die sogenannte positiv-fördernde Erziehungs-Methode.

Es ist also zusammengefasst darauf zurückzuführen, dass man den Hund allzu sehr vermenschlicht und - aus Faulheit oder Gleichgültigkeit - auf allzu anti-autoritäre Erziehung gesetzt hat.

These: Unterdrücken wir also natürliche Instinkte unseres Hundes?

Wenn es aber "Fehler und Unterlassungen in der Erziehung" sind, die zu den oben genannten Problemen führen, dann bedeutet das auch,

dass wir mit der Erziehung eigentlich nur
natürliche Instinkte unseres Hundes
zu unterdrücken versuchen.

Oder anders ausgedrückt: Wir versuchen den Hund fundamental "umzuerziehen", indem wir ihm menschliche Maßstäbe aufzwingen und damit seine natürlichen Instinkte leugnen und "für uns - aber nicht für den Hund - unsichtbar werden lassen" wollen.

Denn das Verhalten, das wir da so von oben herab "Problem-Verhalten" nennen, weil es einfach nicht in unsere menschliche Welt mit ihren menschlichen Regeln und menschlichen Vorstellungen gehört, ist aus der Sicht der Hunde VÖLLIG NATÜRLICHES Verhalten, von ihren Instinkten diktiert.

Denn nein, sie "erfinden" dieses oben dargestellte 'Problem'-Verhalten nicht aus einer Laune heraus, quasi als willkürlich ausgedachte Ersatzhandlung: Sie haben ALLE DASSELBE Verhalten und DIESELBE Eskalation; beginnend bei abwehrender Körpersprache und endend beim wütenden "Verbeißen"; wie dir jeder leidgeprüfte professionelle Hunde-Trainer sagen kann.

Und bedeutet das nicht wiederum, dass wir hier lediglich mit einer zutiefst arroganten Herangehensweise "Probleme verhindern" wollen?

Anti-These: Ist es die Schuld der Erziehungs-Methode oder des Menschen?

Muss man diese "Fehler und Unterlassungen in der Erziehung", die zu den oben genannten "Haupt-Problemen" führen, nun dem Menschen oder der Methode selbst anrechnen? Ist es also der einzelne Mensch, der da versagt? Oder ist es vielleicht sogar die Methode insgesamt?

Wenn es ein Fehler des einzelnen Menschen ist: Warum versagen dann so unendlich viele Menschen darin, diese Fehler zu vermeiden, dass ganze Berufszweige - vom Hunde-Trainer über den Hunde-Schneider, den Hunde-Friseur und den Hunde-Masseur bis zum Hunde-Psychologen - davon ein sehr einträgliches Auskommen haben?

Ist die Behauptung des »positiv-fördernden Hunde-Trainings« vielleicht eine Marketing-Masche der "Political-Correctness"-Popkultur?

Sind die unzähligen Menschen, die sich nun verzweifelt an Hunde-Trainer wenden, weil sie trotz aller Bemühungen allein nicht mehr weiterkommen, also einfach nur allesamt dumm und inkompetent? Oder könnte es auch sein, dass diese angeblich so "Hunde-freundliche, super-natürliche und völlig gewaltfreie" Methode, weder besonders Hunde-freundlich, noch besonders natürlich und auch nicht wirklich "gewaltfrei" ist; sondern vielmehr hauptsächlich eine Marketing-Masche, die dank ihrer Buzzwords "Hundefreundlichkeit" und (scheinbarer) "Gewaltfreiheit" so gut verkaufbar ist?

Beobachtung der Tiere: Wie regeln Hunde die Dinge untereinander?

Wir wollen ja "Hunde-freundlich" sein, nicht wahr?! Also schauen wir einfach mal, wie Hunde die Dinge untereinander regeln, wenn man sie von den menschlichen Vorstellungen und Regeln befreit. Etwa beim Herumtoben auf der Hundewiese. Oder, wenn sie das Glück haben, gemeinsam mit mehreren Artgenossen in einer Familie leben zu dürfen:

Beobachte es selbst! Verleiten sie einander mit Leckerlie dazu, etwas zu tun oder zu lassen? Ignorieren sie vielleicht "schlechtes bzw. unerwünschtes Verhalten" eines Artgenossen? Belohnen sie möglicherweise "gutes bzw. erwünschtes Verhalten" eines Artgenossen?

Wer jemals Hunde auf der Wiese - oder im Rudel - beobachtet hat (von Wölfen brauchen wir hier gar nicht erst anfangen), der wird eine ganz klare Antwort haben:

»Nein!
Sowas habe ich NOCH NIEMALS beobachtet.
«

Stattdessen sieht man typischerweise die folgenden sehr interessanten und immer wiederkehrenden Verhaltensweisen:

  1. Manchmal steht ein Hund etwas abseits; beteiligt sich nicht oder kaum am Spiel der anderen; beobachtet aber alles mit Argusaugen und mischt sich hier und da doch ein. Ganz kurz. Und, wie es scheint, ziemlich energisch: Da wird plötzlich ein spielender Hund abgedrängt; ein anderer wird offensichtlich drohend angeknurrt; und nach einem weiteren wird kurz geschnappt. Doch schon eine Sekunde später scheint er wieder völlig relaxt und uninteressiert und stolziert unbeeindruckt durch die herumwuselnden Hunde.
  2. Und wenn ein Hund über die Stränge schlägt und beim Spielen allzu rabiat wird, dann weisen ihn ein oder mehrere Hunde kurz zurecht. Dann wird mal schnell abgedrängt, ein "Bodycheck" gemacht (der betreffende Hund also wie unabsichtlich wirkend "angerempelt"), kurz und deutlich geknurrt, gezielt angesprungen und/oder auch schon mal angedeutet(!) zugebissen. ... Und schon eine Sekunde später wird wieder gemeinsam gespielt, als sei nie etwas passiert.
  3. Wenn sich aber einer partout nicht "belehren" lassen will und in schneller Folge immer wieder über die Stränge schlägt, dann wird auch schon mal zu heftigeren Maßnahmen gegriffen: Es gibt eine kurze Keilerei; die manchmal sogar blutig enden kann. Trotzdem wird der verprügelte Hund direkt nach dem Ende der Prügelei wieder in der Gruppe akzeptiert und darf weiterhin mitspielen.

Doch man kann so lange beobachten, wie man will: Die "positiv-fördernde Methode", also das Belohnen guten Verhaltens und das Ignorieren schlechten Verhaltens, wendet kein Hund an. NIEMALS.

Im Gegenteil: Für gutes/erwünschtes Verhalten gibt es EINZIG die "Belohnung der Ungestörtheit bzw. Nicht-Zurechtweisung"; der Hund darf also weitermachen mit dem, was er gerade macht. Und für schlechtes/unerwünschtes Verhalten gibt's erst ein paar Verwarnungen und gelbe Karten; und wenn er nicht einsichtig wird, dann gibt's kurz(!) "einen auf die Nase".

Aber ist nicht GENAU DAS jenes "dominante Verhalten", das wir in der Erziehung unseres Hundes eigentlich ablehnen wollten? Lehnen wir also NATÜRLICHES VERHALTEN des Hundes ab?

Synthese: Was also, wenn doch etwas dran ist, an Dominanz & Führung?

Nehmen wir nun einmal mutig an, die Hunde auf der Wiese und in ihrem Verhalten untereinander mit anderen Artgenossen würden sich (halbwegs) natürlich verhalten.

Wäre es dann nicht angemessen und sinnvoll, wenn wir Menschen wenigstens versuchen würden, es ihnen gleichzutun, ihnen wenigstens nachzueifern, wenn wir ihnen wirklich ein "hunde-gerechtes Leben" ermöglichen wollen?

Natürlich müssen wir dazu aus der Komfortzone unserer eigenen engstirnigen und arroganten menschlichen Vorstellungen heraustreten. Und natürlich müssten wir dann eine völlig neue Sprache lernen und bewusst anwenden; nämlich die Hunde-Sprache.

Das ist nicht so einfach, wie dem Hund einfach UNSERE MENSCHLICHEN Vorstellungen aufzuzwingen, ihm mit UNSEREN MENSCHLICHEN Methoden seine natürlichen Instinkte und Verhaltensweisen "auszutreiben", ihn also praktisch zu einem halben Menschen zu machen; ... anstatt ihn einfach Hund sein lassen zu können und uns selbst SEINER Sprache zu befleißigen lernen. Eine Sprache übrigens, die er sehr viel besser versteht, denn es ist "seine Muttersprache".

... aber was tut man nicht alles dem Hund zuliebe, nicht wahr?!

Keine Extreme, bitte!

Dabei sei mit allem Nachdruck darauf verwiesen, dass Extreme noch nie sinnvoll waren und auch nie sein werden. Weder war/ist es sinnvoll, den Hund mit Prügel oder cholerischem Verhalten zu erziehen; noch war/ist es sinnvoll, gleich ganz auf jegliche Erziehung zu verzichten.

Vielmehr geht es darum, mit dem Hund so weit es geht in seiner eigenen Sprache zu kommunizieren. Und das selbstverständlich auch unter der Nutzung bequemer "menschlicher Methoden", wo immer wir sinnvoll abkürzen können oder müssen: Etwa beim Erlernen von Tricks und Kommandos. 

Natürlich brauchen wir die "positiv-fördernde Methode"! Sie hilft uns, dem Hund schnell, sicher und auf sehr positivem Wege Tricks und Kommandos beizubringen.

Aber ebenso brauchen wir Dominanz & Disziplin! Denn das hilft uns - also Mensch UND Hund - im Alltag. Beim ganz normalen Zusammenleben. Und bei JEDER Form von "erzieherischer Auseinandersetzung" mit unserem Hund, beispielsweise beim Einfordern von (notwendigen) Regeln.

Wenn wir DAS BESTE AUS BEIDEN WELTEN kombinieren, können wir so unendlich viel mehr für unseren Hund tun.

Und das sollte er uns einfach wert sein, nicht wahr?!

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