Flüchten, Kämpfen oder Vermeiden?

Wenn ein Hund in eine - aus seiner Sicht - bedrohliche Stress-Situation gerät, trifft er ausnahmslos immer eine instinktive Entscheidung zwischen:

Flucht
Kampf
Vermeiden

Das "Vermeiden" ist dabei ein Alternativ-Verhalten, das du im Wesentlichen auch als "Unterordnen" verstehen kannst. Und es gibt noch eine vierte wichtige Handlungs-Option unseres Hundes: Die Affekt-Handlung bzw. Kurzschluss-Handlung (bei Hunden nennen wir das die "Übersprung-Handlung").

Aber schauen wir uns das mal in Ruhe an...

Flucht oder Kampf? Oder doch Vermeiden?

In welche Richtung die Entscheidung ausfällt, beeinflusst der Hund nicht mehr aktiv. Vielmehr wird er vollständig von seinem vegetativen Nervensystem "ferngesteuert".

Deshalb ist es so ungemein wichtig, dass du deinen Hund sehr gut einschätzen lernst. Denn so kannst du wenigstens vorher erahnen, wie er sich in den nächsten Zehntel-Sekunden entscheiden wird. Dementsprechend sollte dann deine Reaktion darauf ausfallen.

Erstarren: Einfrieren in der Bewegung

Dass dein Hund - und logischerweise auch du selbst - wahrscheinlich gleich gewaltigen Stress durchmachen werden, kannst du daran erkennen, dass dein Hund urplötzlich mitten in der Bewegung "einfriert" und sehr konzentriert in eine Richtung starrt.

Das Einfrieren bedeutet nicht automatisch, dass er gleich flüchten oder kämpfen wird. Vielmehr zeigt dir das seine heftige Irritation/Verwirrung an: Dein Hund "wundert sich" gerade. Er fragt sich, was er da gerade gehört oder gesehen hat. Und er fragt sich, ob das gefährlich sein könnte, oder nicht.

  • Entscheidet er, dass es "ungefährlich" ist, macht der Hund einfach weiter, als wäre nichts geschehen.
  • Entscheidet er, dass es "jagdbar" ist, dann siehst du ziemlich genau 1 Sekunde später nur noch eine Staubwolke, wo er eben noch stand.
  • Entscheidet er, dass es "gefährlich" ist, dann wird die nächste Entscheidung lauten: "Flucht? Kampf? Oder Ausweichen?"

Kurz gesagt: Erstarrt der Hund, gehen bei uns SOFORT ALLE ALARMGLOCKEN an! Finde SOFORT heraus, was den Hund irritiert hat! Denn nur dann, wenn du es herausfinden kannst, hast du noch eine Chance, rechtzeitig das Richtige zu tun und eine möglicherweise gleich eintretende stressige Situation zu vermeiden oder abzumildern.

Entscheidung: Flucht oder Kampf?

Die Entscheidung zwischen Flucht und Kampf ist eine Abwägung der Chancen, die sich der Hund ausrechnet:

Wenn er glaubt, dass er keine ausreichend gute Chance hat; oder wenn er die Gefahr nicht einschätzen kann, wird er sich BEVORZUGT zur Flucht entscheiden.

Wenn er jedoch von sich selbst überzeugt ist, wird er den Kampf bevorzugen. (Das bedeutet nicht, dass er gleich den Gegner zerfleischen wird. Vielmehr bedeutet es, dass er erst mal mit Drohen und Posen beginnt. Echter Kampf ist immer erst der letzte Schritt in dieser Eskalation.)

Sobald die Entscheidung gefallen ist, ist der Hund kaum oder gar nicht mehr sicher ansprechbar. Deshalb MUSST DU VORHER REAGIEREN!

Respektlose Hunde entscheiden sich häufiger für "Kampf"! Dabei überschätzen sie sich oft, was zu zusätzlichem Stress führt. Auch deshalb ist Respekt wichtig! Er hilft den Hunden, Stress zu reduzieren.

Alternative Entscheidung: ... oder doch lieber Vermeiden?

Kann der Hund keine sichere Entscheidung zwischen Flucht und Kampf treffen, entscheidet er sich für das Vermeiden.

Die Vermeidung ist dabei im Grunde eine Flucht, nur ohne Flucht. Der Hund läuft also nicht weg, sondern bleibt entweder wie angewurzelt stehen oder bewegt sich nur sehr langsam.

Zugleich wird er sehr deutlich defensive Signale in der Körpersprache aussenden. Damit versucht er, die Situation zu deeskalieren, er bittet also sozusagen "um gutes Wetter".

In dieser Situation MUSST DU DEINEM HUND HELFEN! Er braucht jetzt Bewegungsfreiheit, um seine Körpersprache sicher und unmissverständlich benutzen zu können. Ganz besonders die Leine MUSS jetzt LOCKER sein!

Massiver Stress! Auch jetzt ist der Hund auf "Vollautomatik" und kaum oder gar nicht ansprechbar.

Vermeide Behinderung der Körpersprache! Achte jetzt darauf, dass der Hund "sauber kommunizieren" kann.

Eskalations-Gefahr! Kann der Hund seine "Deeskalations-Signale" nicht senden, kann die Situation ggf. NICHT deeskaliert werden!

Verwirrungs-Entscheidung: Die Übersprungs-Handlung

Insbesondere selbstunsichere, labile oder sehr ängstliche Hunde neigen in - aus ihrer Sicht - nicht-lebensbedrohlichen Situationen auch statt der "Vermeidung" zur vierten Handlungs-Option: Der sogenannten "Übersprungs"-Handlung.

Sie machen dann etwas, das uns völlig überraschen kann, weil wir es so gar nicht auf dem Schirm haben. Dabei ist die Handlung zum Teil nur noch als "vollkommen verrückt" zu beschreiben. Beispielsweise kann es durchaus passieren, dass dein Hund sich im Übersprung gegen dich wendet und zuschnappt. Er macht das nicht absichtlich; denn er ist immer noch auf "Adrenalin-Vollautomatik".

Das kann krankhaft sein, wenn dein Hund eine geistige Störung hat. Meist ist es aber schlicht die Tatsache, dass der Hund verzweifelt versucht, einen Teil des gewaltigen Stresses abzubauen

Also macht er irgendwelchen Unfug.

Massiver Stress! Auch jetzt ist der Hund auf "Vollautomatik" und kaum oder gar nicht ansprechbar.

Massive Unberechenbarkeit! Jetzt kann fast alles passieren. Von völlig harmlosen Dingen, bis zu Bissen gegen den eigenen Halter.

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