Warum anti-autoritäre Erziehung nicht funktioniert ... zumindest nicht beim Hund

Uns Menschen erscheint es als das höchste Glück auf Erden: Einfach nur leben können. Niemand, der einem Vorschriften macht. Niemand, der die Vorschriften durchsetzen will. Keine "Benimm-Schule", sondern einfach machen können, wonach einem der Sinn steht.

Doch leider ist das für uns unerreichbar. Da ist das Finanzamt, das regelmäßig seine Steuern sehen will. Da gibt es Höflichkeitsregeln, Benimmregeln, Arbeitsregeln, Verhaltensregeln ... überall sind Regeln, Gesetze und Vorschriften. Und ein Verstoß gegen Regeln - etwa gegen die Straßenverkehrs-Regeln - kann uns teuer zu stehen kommen.

Aber unser Hund! Der muss sich an keine dieser Regeln halten. Ihn kann das Finanzamt mal kreuzweise. Er muss nicht mit einem miesen Chef auskommen. Zumindest er kann doch leben, wie er will; und tun, was er will und wann er es will.

Schließlich ist er bei uns in ausgesprochen tierlieben Händen. Deshalb wollen wir unserem Hund geben, was für uns selbst das höchste Glück wäre. Und so ist es für uns eine klare Sache:

»Unser Hund wird anti-autoritär erzogen!«

WICHTIG: Unterscheide zwischen Training und Erziehung!

Bevor wir anfangen, uns näher mit dem Thema zu beschäftigen, sollten wir noch schnell das Wichtigste an den Anfang stellen:

Unterscheide zwischen Training & Erziehung!

Training ist alles, was du deinem Hund an Tricks beibringst: Sitz!, Platz!, Bei Fuß!, Bleib!, Hol-das-Stöckchen!, ... all das sind Tricks, die dein Hund lernen kann.

Erziehung ist alles andere. Also das tägliche Zusammenleben. Der Umgang miteinander. Die "Benimm-Regeln, die vor und nach dem Training gelten", wenn du so willst.

In diesem Abschnitt reden wir NUR über Erziehung. Nichts davon hat mit "Training" zu tun; auch, wenn man "gutes Benehmen" durchaus trainieren muss.

Training, also das Erlernen von Tricks, muss freiwillig funktionieren. Beim Erlernen von Tricks wirst du die größten Erfolge haben, wenn dein Hund freiwillig mitmacht. Deshalb ist hier autoritäres Trainieren, also das Arbeiten mit Zurechtweisungen oder gar mit Strafen, völlig fehl am Platz.

Das Erziehen funktioniert beim Hund nur mit Regeln und Grenzen. Da der Hund die menschliche Sprache nicht versteht und nicht die geringste Ahnung von Philosophie, Gesetzen, Technik oder von deren Zusammenhängen hat, braucht er einfache, verständliche, feste und verlässliche Regeln, an die er sich halten kann.

Was ist anti-autoritäre Erziehung?

Die anti-autoritäre Erziehung ist ein super-weites Feld, über das unzählige Bücher geschrieben wurden. Im Grunde geht es aber immer um einen wichtigen Punkt:

Das Kind soll nicht durch Verbote lernen, was es nicht darf. Vielmehr soll es durch Erfahrung herausbekommen, was es kann und wie die Welt funktioniert.

Man bemüht sich also, das Kind weitgehend allein seine Erfahrungen machen zu können. Es darf ausprobieren, wie Dreck und Kuhscheiße schmecken. Niemand hält es durch: »Bäh! Du sollst dich doch nicht schmutzig machen!« von dieser Erfahrung ab. Und es wird allein lernen: »Alter Schwede, schmeckt das Scheiße! Da lobe ich mir doch ein leckeres Eis.«

Anti-autoritäre Erziehung Das Kind soll nicht durch Verbote lernen, was es nicht darf. Vielmehr soll es durch Erfahrung herausbekommen, was es kann.

... soweit die Theorie

Im vorigen Absatz haben wir uns die ideal-typische Theorie der anti-autoritären Erziehung angeschaut.

Listigerweise funktioniert sie aber in der Praxis nicht so ideal: Denn in Wahrheit halten wir unser Kind von Hunderten potenziell unangenehmen Erfahrungen fern.

Wir sagen nicht: »Na klar! Probiere ruhig den Abflussreiniger.« Stattdessen halten wir das Kind davon ab, einen ordentlichen Schluck aus der Pulle zu nehmen, und erklären ihm: »Nope. Auf diese Erfahrung verzichtest du besser. Es weiß zwar niemand, ob er vielleicht schmeckt. Aber alle wissen: Er kann dich leicht umbringen.«

Wir machen dem Kind also auch bei der anti-autoritärsten Erziehung immer noch Vorschriften; setzen ihm immer noch Grenzen, diktieren immer noch Regeln.

Selbst, wenn wir in den Urwald gehen und Ureinwohner suchen würden, die noch völlig natürlich leben, würden wir feststellen, dass auch ihre Kinder Regeln kennen. Regeln, wie man die Götter zu ehren hat. Regeln, dass die Alten zu ehren sind. Regeln, auf welchen Pflanzen und Tieren man besser nicht herumkaut.

Kurz gesagt: Auch die anti-autoritärste Erziehung der Welt hat Grenzen, Regeln und Vorschriften.

Erklärungen helfen beim Verständnis

Wir wissen also schon: Auch die anti-autoritärste Erziehung der Welt ist nicht völlig frei von Regeln und Vorschriften, die man besser einhalten sollte.

Trotzdem: Es sind sehr viel weniger Regeln. Nur, wenn es wirklich gefährlich oder lebensbedrohlich wird, muss man wirklich einschreiten. Ob es hingegen weh tut, wenn man sich auf den Finger haut, kann das Kind ruhig allein ausprobieren.

Doch die anti-autoritäre Erziehung setzt auf noch einen wichtigen Punkt: Sie will nicht verbieten, sondern erklären. Das Kind soll also durch die Erklärung lernen, wie die Dinge zusammenpassen. Die Erklärung soll ihm helfen, es besser zu verstehen und anwenden zu können.

Mit anderen Worten: Es ist durchaus anti-autoritär, dem Kind einen Hammer in die Hand zu drücken und zu sagen: »Na los! Probiere, ob es weh tut!« Es ist aber auch anti-autoritär, wenn man sagt: »Also, ich weiß aus eigener Erfahrung: Es tut höllisch weh. Jedes Mal. Man braucht diese Erfahrung nicht. Denn es gibt keine sinnvollen Ausnahmen davon. Ich würde es daher an deiner Stelle nicht ausprobieren.«

Erklären statt verbieten Die anti-autoritäre Erziehung setzt auf noch einen wichtigen Punkt: Sie will nicht verbieten, sondern erklären.

Anti-autoritär = eigene Erfahrung + Erklärung

Wir fassen also zusammen: Unter anti-autoritärer Erziehung werden zwei wichtige Punkte verstanden.

  • Mache deine eigenen Erfahrungen! (Es gibt aber wichtige und unverrückbare Grenzen!)
  • Ich erkläre dir die Welt! (Nicht Verbote, sondern Erklärungen, warum etwas verboten ist, helfen dem Kind.)

Diese Dinge funktionieren nicht ohne einander; sondern IMMER NUR ZUSAMMEN. Ein Kind, das keine Erklärungen bekommt, aber dennoch Verbote erfährt (etwa »Abflusssreiniger trinken ist verboten. Basta!«) wird nicht anti-autoritär erzogen.

Und ein Kind, das zwar Erklärungen bekommt, warum etwas nicht die Erfahrung wert ist (etwa, wie es sich anfühlt, wenn man sich mit dem Hammer auf den Finger haut), aber die Erfahrung nicht selbst machen darf, wird ebenfalls nicht anti-autoritär erzogen.

Erkläre das mal deinem Hund!

Nun sind wir aber auf den Hund gekommen. Wir haben kein Kind vor uns; sondern einen uns treu anblickenden Hund.

Das mit dem "Nicht-Verbieten!" funktioniert wunderbar und von ganz allein. Dafür müssen wir uns auch nicht sonderlich anstrengen.

Doch wie ist das mit dem "Erklären"? Wie erklärt man einem Hund, worauf diese oder jene Erfahrung hinausläuft, so dass er freiwillig darauf verzichtet? Wir können ihm ja nicht sagen: »Na, das mit dem 'Vors-Auto-Laufen' würde ich an deiner Stelle sein lassen. So ein Auto kann dich leicht umbringen. Das wäre dann deine letzte Erfahrung in dieser Welt.« Bei einem Kind könnte man auf das Verständnis durch die Erklärung setzen.

Was versteht der Hund von der menschlichen Sprache? ... Genau! Er versteht kein einziges Wort. Er hört ihren Klang. Er hört, das die Worte unterschiedlich klingen. Und er hört, dass ein einziges Wort - je nach deiner Stimmung - ebenfalls unterschiedlich klingen kann: Mal ist es scharf und fordernd ausgesprochen worden; mal sanft und zurückhaltend.

Doch er versteht nicht ein einziges Wort. Und obendrein er hat nicht die geringste Ahnung von Autos, Technik, Krankenhäusern, Straßen und all den zahllosen anderen menschlichen Konzepten, mit denen der Mensch sich in dieser Welt eingerichtet hat.

Erklärungen funktionieren nicht. Also braucht es mehr Regeln und Grenzen!

Da unser Hund unsere Erklärungen also nicht versteht, braucht er andere Wege, auf denen wir ihm die Informationen vermitteln können.

Natürlich könnten wir ihn immer noch einfach losstolpern und seine Erfahrungen selbst machen lassen. Einmal von einem Auto angefahren und überlebt, wird auch er verstehen: »Das lasse ich in Zukunft lieber sein. Sowas brauche ich nicht noch einmal.«

Wir können ihm aber auch mit Hilfe von Regeln klar machen, auf welche Erfahrungen er besser gleich ganz verzichten sollte. Beispielsweise, indem wir ihn konsequent (Guck! Da ist die Konsequenz wieder!) beibringen, sich vor jeder Überquerung einer Straße hinzusetzen und darauf zu warten, dass du - und nur du - die Anordnung gibst, wann man die Straße gefahrlos überqueren kann. Denn nur du verstehst das Konzept von Auto, Straße und den damit zusammenhängenden Gefahren; also, wann ein Auto gefährlich ist und wann nicht.

Und so kommt es, dass "anti-autoritäre Erziehung" für den Hund alles andere als "gut" oder erstrebenswert ist. Für ihn ist es eine wahre Hölle, die aus unzähligen unbekannten Gefahren besteht. Denn er weiß nie - wirklich NIEMALS -, wann er eine Erfahrung gefahrlos machen kann; und wann sie ihm vielleicht doch "nur die Rippen bricht", wenn er großes Glück hat.

Oder einfacher gesagt: Wahre Tierliebe ist es, wenn du deinen Hund sicher vor den Gefahren beschützen kannst. Doch das funktioniert nur, wenn er dir gehorcht und sofort wieder von der Straße herunterkommt, wenn du ihn rufst.