Situative Dominanz: Wann sollte ich eingreifen?

Im Abschnitt formale und situative Dominanz haben wir uns den Unterschied im dominantem Verhalten angeschaut: Nicht immer plant dein Hund, gleich die Weltherrschaft zu übernehmen. Manchmal will er auch einfach "nur mal kurz rebellieren".

Einen guten Anführer zeichnet aus, dass er erkennt, wann er eingreifen muss; und wann nicht.

Im Zusammenhang mit der echten Dominanz ist es daher von wesentlicher Bedeutung, erkennen zu lernen, was man tolerieren kann, und was ernsthaft an deiner formalen Dominanz, also DEINEM Anspruch auf "Weltherrschaft", sägt.

Lese-Hinweis Bevor du hier weiterliest, solltest du die Abschnitte Dominanz & Disziplin, Echte & unechte Dominanz, sowie Formale und situative Dominanz gelesen (und verstanden!) haben. Sonst geht's in deinem Kopf gleich drunter und drüber.

Dein langfristiger Plan und dein kurzfristiges Feingefühl sind gefragt

Um es gleich vorweg zu nehmen: Es gibt keinen "goldenen Weg". Hunde sind keine Maschinen, die alle immer gleich funktionieren. Insofern musst du selbst einen Weg finden, mit dem ihr beide - du und dein Hund - gut klarkommen können.

Profi-Tipp Es ist besser, ein bisschen "zu streng" zu sein und mit wachsender Erfahrung nachzulassen; als "zu locker" zu sein und später nachschärfen zu wollen (oder gar zu müssen).

Aus der Erfahrung vieler Jahre heraus lasse dir aber den Rat geben: Es ist einfacher, ein Verbot oder eine Regel aufzuweichen oder aufzuheben; als ein neues Verbot oder eine neue Regel einzuführen und umsetzen zu wollen.

Beispiel: Hund + Sofa. Es ist leichter für deinen Hund zu verstehen; und leichter für dich umzusetzen, wenn du es erst mal strikt verbietest und später dann doch aufweichst oder ganz aufhebst. Es wird jedoch ein langer Kampf zwischen dir und deinem Hund, wenn du es ihm erst mal ein paar Monate oder sogar Jahre erlaubst und dann - etwa, wenn du ein neues Sofa kaufst - strikt verbieten willst.

Was, wie lange und wie viel bin ich zu tolerieren bereit?

Manche Dinge sind dem Einen einfach egal, während der Andere darauf mehr oder weniger großen Wert legt (oder auch wegen der Verwendung des Hundes legen muss).

Stelle dir deshalb - FÜR DICH SELBST - einen groben Plan auf, in dem du festlegst, welches dominante Verhalten des Hundes du wie lange zu tolerieren bereit bist.

Ist es okay, wenn er sein Futter verteidigt und damit das Füttern zu einem mehr oder weniger gefährlichen Spiel macht? Ist es okay, wenn der Hund ein Spielzeug gegen dich (oder andere Familienmitglieder) verteidigt, und damit eventuell auch mal leichte Bisswunden zu verarzten sind, weil er bei der Verteidigung NATÜRLICH seine Zähne einsetzt (er hat ja nix anderes)? Ist es okay, wenn der Hund an der Leine vorwegläuft und auch schon mal (oder ständig) die Richtung des Spaziergangs bestimmt?

Wichtig: Es macht keinen Sinn, zu sagen: »Wenn er beißt, ist Schluss mit Lustig!«; denn das ist VIEL ZU SPÄT, um dann noch sichere Grenzen einzuziehen, ohne das Risiko, noch etliche weitere Male gebissen zu werden, bevor die Grenze wirkt, zu akzeptieren. Hier sollte beispielsweise »... wenn er das Spielzeug gar nicht mehr rausrücken will.«, die aller-mega-hyperletzte Grenze sein. Selbst "ernsthaftes Knurren" wäre hier schon viel zu spät.

Du siehst: Durchdenke auch, WIE WEIT dein Hund gehen darf. Denn sei versichert: JEDES Verhalten wird ausgelebt, bis es seine Grenzen findet. Ein lustiges "Nase krausziehen", weil er ein Spielzeug verteidigen möchte, kann - und wird - zu einer immer vehementeren Verteidigungshaltung; die irgendwann auch in Schnappen enden wird.

Übertreibt mein Hund in EINER Situation seine Dominanz?

Wir kennen es alle: Unser Hund schnappt sich sein Lieblingsspielzeug ... und verschwindet in einer Staubwolke. Oder er fordert uns heraus, ihm das Spielzeug abzujagen; doch er gibt es nicht her. Und wenn wir ihn dann doch erwischen, dann verteidigt er das Spielzeug und ignoriert das »Aus!«-Kommando vollständig.

Auch das sind starke Indikatoren, dass wir gerade eine Baustelle beobachten. Denn auch, wenn es vielleicht lustig anzuschauen sein mag: oder wenn man sich eigentlich vor Lachen gar nicht mehr einkriegt, weil er das Spielzeug so tapfer verteidigt:

Auch kleine Übertreibungen wachsen im Laufe der Zeit. Behalte es im Blick!

Hier hat (oder bekommt gerade) dein Hund ein ernsthaftes Problem: Wahlweise wirst du schon bald eine Obsession (= zwanghafte Sucht; hier: Spielzeug-Sucht) erleben oder dein Hund wird anfangen, auch in anderen Situationen seine Dominanz zu testen.

Ist mein Hund IN MEHREREN verschiedenen Situationen "situativ dominant"?

Gedanken solltest du dir unbedingt auch machen, wenn dein Hund in mehreren verschiedenen Situationen dominant ist (oder wird).

Denn dann zeigt er bereits deutliche Anzeichen, dass es nicht mehr nur eine "situative Rebellion" ist, sondern, dass er seinen Anspruch auf weitere Gebiete ausdehnt. Und ja, das kann man nicht beschönigen: DAS ist ein starker Indikator, dass du in deiner Führungsrolle versagst.

Wenn er also beispielsweise an der Leine zieht UND sein Futter verteidigt UND Spielzeug nicht hergibt UND immer schlechter auf Kommandos hört, dann kannst du gewiss sein: Es besteht dringender Handlungsbedarf, wenn du noch etwas von deinem Ansehen retten willst. Denn dann betrachtet er dich zunehmend als Hampelmann, der nicht imstande ist, das Rudel sicher zu führen.

Wir wollen keinen Kadavergehorsam

Als gute und echt-dominante Anführer wollen wir jedoch keinesfalls Kadavergehorsam. NATÜRLICH darf der Hund auch mal "über die Stränge schlagen". NATÜRLICH erlauben wir ihm gelegentlich auch Dinge, die wir eigentlich sanktionieren müssten und vielleicht auch wollten. ... NATÜRLICH wollen wir keine "Spaß-Bremsen" sein oder gar als Tyrannen oder Diktatoren auftreten.

Und deshalb zeigen wir unserem Hund mit dieser Art der Duldung schlicht und einfach: »Ich habe dich im Blick, mein Freund. Und ich sehe, dass du gerade die Regeln des Respekts übertrittst. Doch ich werde es dieses Mal tolerieren. Aber nicht, weil ich schwach bin, sondern, weil ich weiß, dass ich es sanktionieren könnte ... dir aber jetzt deinen Spaß lassen möchte, solange du es nicht übertreibst.«

Wir verhalten uns also wie Eltern, die ihrem Kind erlauben, bis Mitternacht auszugehen, obwohl wir eigentlich die Regel hatten: »Unter 15 Jahren Ausgang nur bis max. 22 Uhr.« ... uns tut's nicht weh; und das Kind hat eine Freude. Doch alle Beteiligten wissen: Es ist eine einmalige Ausnahme von der Regel; keine Dauer-Genehmigung.

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