Formale & situative Dominanz

Neben der echten und unechten Dominanz sollten wir auch etwas Verständnis zur weiteren Spielarten der Dominanz entwickeln, wenn wir das "Dominanz-Verhalten" unseres Hundes besser verstehen wollen.

Deshalb schauen wir uns in diesem Abschnitt die formale und die situationsbezogene (= situative) Dominanz an.

In diesem Abschnitt geht es um ein besseres Verständnis der echten Dominanz. Es ist deshalb WIRKLICH WICHTIG, dass du den Unterschied zwischen echter und unechter Dominanz verstanden hast, bevor du hier weiterliest.

 

Als "formale Dominanz" bezeichnen wir einen anerzogenen oder instinktiven "Rechtsanspruch" auf das Vorrecht, also die Dominanz.

Beispiel: Beispielsweise lehrte man dich, deine Eltern zu ehren, nicht wahr?! Ihren Rechtsanspruch auf nahezu jegliches Vorrecht, solange du deine berühmt-berüchtigten Beine unter ihren Tisch steckst, hast du nicht in Frage zu stellen.

Obwohl du die formale Dominanz deiner Eltern nicht in Frage stellst, gibt es doch Situationen, in denen du rebellierst. Dann streitet ihr euch situativ um die Dominanz in dieser Situation.

Beispiel: Müll rausbringen. Ihr streitet zwar darum, wer es machen muss; und wann es gemacht werden muss. Doch ihr stellt bei diesem Streit die formale Dominanz nicht in Frage.

Alle Hunde kennen und nutzen beide Arten

Die formale Dominanz nutzen Hunde, um die Rangordnung innerhalb ihres Rudels zu etablieren. Sie erheben einen dauerhaften Anspruch auf einen Rang innerhalb des Rudels. Und sie verteidigen diesen Anspruch, sobald es notwendig wird.

Die situative Dominanz nutzen Hunde, um in einer speziellen Situation beispielsweise ihren Willen durchzusetzen, eine Ressource zu verteidigen oder die Fortsetzung oder eben den Abbruch einer Aktivität zu fordern. Dabei stellen sie die formale Dominanz nicht infrage. Sie wollen nur hier und jetzt ein Vorrecht haben.

... Hunde sind eben auch nur Menschen.

Was bedeutet das für mich?

Eine ganze Menge. Vor allem bedeutet es aber Eines:

Du MUSST lernen,
beides unterscheiden zu können.

Wann erhebt dein Hund Anspruch auf die formale Dominanz; wann will er also die berühmt-berüchtigte Weltherrschaft an sich reißen? Und wann ist er situativ dominant, möchte also nur hier und jetzt einen Anspruch durchsetzen, ohne gleich die Weltherrschaft ins Auge zu fassen?

... und nein, das ist keineswegs ein leichtes Spiel. Trotzdem solltest du es in jeder einzelnen Situation so treffsicher, wie irgend möglich, unterscheiden lernen. Denn beide Dominanz-Ansprüche unterscheiden sich erheblich.

Warum ist das so wichtig?

Wie wir schon im Abschnitt echte und unechte Dominanz besprochen haben, kann - und sollte(!) - echte Dominanz es sich erlauben können, mal " alle Fünfe gerade sein zu lassen", also eine Insubordination großzügig übersehen zu können.

Mit diesem Erlauben einer Regel-Übertretung gibst du deinem Hund die Freiheit,

GELEGENTLICH Regeln zu BEUGEN
aber
NICHT DAUERHAFT zu BRECHEN

Du musst also nicht permanent wie ein Schießhund aufpassen, dass jede Regel jederzeit eingehalten wird, ohne gleich die gesamte Kontrolle aufzugeben. Und genau das ist der Haken: Du musst lernen, erkennen zu können, wann es ein Angriff auf deine formale Dominanz oder eben ein Angriff auf deine Dominanz in einer speziellen Situation ist.

Tja, und dazu musst du beides unterscheiden können ...

Easy, easy ... das kann doch jeder auseinanderhalten!

Auf den ersten Blick könnte man denken: "So eine einfache Aufgabe! Das kann doch jeder auseinanderhalten."

Und tatsächlich könnte man irgendwas, wie das Folgende, annehmen: "Solange er mich nicht angreift, anbellt oder beißt, ist es 'situative Dominanz'. Und dann kann ich ihn einfach mal machen lassen, um meine eigene Dominanz zu beweisen."

Dabei wäre man gar nicht soooo weit von der Realität entfernt. Dummerweise ist es aber auch nicht dicht genug dran. Und damit beginnt unser Problem. Denn Hunde stellen deine formale Dominanz nur dann direkt in Frage, wenn sie wenigstens eine Chance sehen, die Weltherrschaft zu übernehmen. In der Zwischenzeit fragen sie mit Hilfe der situativen Dominanz immer mal wieder an, wie ihre Chancen gerade stehen.

Doch wenn dein Hund erst mal formal dominant wird, hast du längst ganz andere Probleme...

Ein Versuch deines Hundes, situativ dominant sein zu wollen, kann also durchaus auch ein Hinweis darauf sein, wie sehr du bisher als Rudelführer versagt hast.

... der Grat ist nicht schmal, aber dauerhaft Abrutschen ist nicht erlaubt

Und - Zack! - schon hängst du am anderen Ende der Emotionen, hm?! "Oh Gott! Wie mache ich es denn dann richtig, wenn ich echt dominant sein will? Ich möchte meinem Hund Regel-Übertretungen erlauben. Aber ich will dabei nicht vollständig in Frage gestellt werden."

Entspanne dich! Du hast ja jetzt schon mal eine Ahnung, worauf du achten musst. Achte darauf und schreite rechtzeitig ein. Denke dabei immer daran:

Je früher und konsequenter du bei situativer Dominanz eingreifst, desto einfacher kannst du auf lange Sicht deine formale Dominanz verteidigen. Und im Umkehrschluss gilt auch: Je länger und häufiger du die Dominanz-Ansprüche in speziellen Situationen durchgehen lässt, desto schmaler wird dein Grat, auf dem du wanderst.

Erklär's noch mal! Ich hab's noch nicht gerafft.

Entwickle ein offenes Auge für das Verhalten deines Hundes! Nicht jede Regel-Übertretung sägt an deinem Stuhl als Rudelführer. Doch zu häufige und zu heftige Regel-Übertretungen solltest du im Interesse deines Hundes und deiner selbst nicht dulden.

Immer noch zu komplex? ... Stelle dir einfach bei jeder Regel-Übertretung die folgenden Fragen:

  1. Hat mein Hund in letzter Zeit häufiger mir wichtige Regeln übertreten oder zu übertreten versucht?
  2. Wird er häufiger in verschiedenen Situationen auffällig?

"Häufiger" ist dabei eine gefühlte Zeitspanne. Je mehr du auf den Gehorsam deines Hundes angewiesen bist, desto kürzer solltest du die Zeitspanne fassen. In der Regel ist "häufiger" = ca. 1 Woche.

Wenn die Antwort auf beide Fragen »Ja!« lautet, solltest du die Zügel etwas fester fassen.

Wenn die Antwort auf beide Fragen hingegen »Nein!« lautet, dann KANNST du diese Regel-Übertretung als Beweis deiner echten Dominanz großmütig übersehen oder mit großer Milde einschreiten. (mehr dazu: Echte und unechte Dominanz)