Echte und unechte Dominanz

In diesem Abschnitt wollen wir uns den Unterschied zwischen echter Dominanz und unechter Dominanz anschauen.

Warum? Weil Hunde nicht dumm sind. Sie können die beiden sehr gut und sehr sicher unterscheiden. Und sie wissen »Das ist Schauspielerei! Darauf falle ich nicht herein!«

Und wenn der Hund das schon weiß, dann sollten auch wir wissen, wie sie die beiden unterscheiden können. Denn was nutzt uns ein Schauspiel, das der Hund schneller durchschaut, als wir es vorspielen können?

Echte Dominanz

Die echte Dominanz ist souverän. Sie ist eine kompetente Autorität und vertritt das auch glaubwürdig. Sie strahlt Selbstsicherheit und das Bewusstsein, eine Situation klären, ein Problem lösen zu können, aus.

Ein echt dominanter Chef bewirkt allein durch seine Anwesenheit, dass sich der Ton mäßigt, die Mitarbeiter ruhiger werden und man wieder "gesittet mitenander umgeht".

Echte Dominanz bedeutet Ruhe, Selbstsicherheit, Gelassenheit. Sie hat es nicht nötig, aggressiv zu werden. Sie KANN, aber sie MUSS NICHT. Und weil sie genau das auch weiß, strahlt sie es auch aus: »Freundchen, ich WEISS, dass ich dir überlegen bin. Probiere gar nicht erst aus, dich mit mir anzulegen. Du würdest sowieso den Kürzeren ziehen.«

Echte Dominanz erkennt man an Ruhe, Geduld, Selbstsicherheit und klarem Handeln.

Unechte Dominanz

Unechte Dominanz ist nichts anderes als autoritäre Anmaßung; "Hochstapelei", wenn du so willst.

Ein unecht dominanter Chef versucht, seine Autorität "mit Gewalt durchzusetzen" und mit der ihm verliehenen Macht wie mit einer Peitsche umzugehen. Man akzeptiert seine Macht; doch nur notgedrungen; und nur, so weit man unbedingt muss.

Hier versucht jemand, mit oft absurd und lächerlich wirkenden Methoden, sich Autorität anzueignen, die man ihm nicht glaubhaft abnimmt. Es wirkt aufgesetzt und künstlich; und ist obendrein ganz offensichtlich völlig überdreht.

Unechte Dominanz ist typischerweise ein "Lückenfüller", mit der man Unsicherheit bei einem Problem zu überspielen versucht. Menschen und Hunde zeigen unechte Dominanz, wenn sie kreischend und tobend - also sehr aggressiv - auf der Einhaltung ihrer Regeln bestehen. Sie wissen, dass sie sich nicht durchsetzen können; also versuchen sie, mit Lautstärke und affektiertem Gehabe ihre fehlende Durchsetzungskraft zu kompensieren.

Unechte Dominanz erkennt man an Lautstärke, Mimik, Gestik, aggressivem Handeln.

Unechte Dominanz ist Terror-Herrschaft.

Aggressivität ist ein Zeichen von Schwäche

Aus den beiden Abschnitten oben ergibt sich eine logische Schlussfolgerung:

Aggressivität ist ein Zeichen von Schwäche.

Immer. Denn echte Dominanz hat es nicht nötig, aggressiv zu werden.

Das heißt nicht, dass Aggression gänzlich ausgeschlossen ist. Sie ist nur auf das wirklich Allernötigste beschränkt. So wird sich ein "echt dominanter Hund" beständig ruhig und souverän verhalten; und nur in sehr extremen Situationen - kurz! - aggressiv werden; um dann aber sofort wieder in die friedliche und souveräne Haltung zurückzukehren. Denn auch ihm sagen seine Instinkte: »Aggression ist Schwäche. Deshalb halte sie so kurz, wie irgend möglich!«

Wer jedoch andauernd kläfft und zerrt, - und auch das gilt für Mensch und Hund gleichermaßen - der weiß, dass er keine Kontrolle hat. Und der versucht, auf dem Weg des Terrors gegen andere die Kontrolle über Situationen zu erlangen. So jemand versucht also gar nicht erst, selbst stark zu sein; sondern er versucht, die anderen zu schwächen, so dass sie sich unter seine Kontrolle begeben.

Die allerwenigsten Hunde sind "echt dominant". Es liegt im wahrsten Sinne des Wortes an der Natur: Ein Rudel braucht nur wenige dominante Tiere; aber sehr viel mehr unterordnungsbereite Tiere.

Unechte Dominanz schafft es nicht zur Rudel-Führung

Und weil sich niemand - auch Hunde nicht - gern von anderen terrorisieren lässt, gelangen aggressive Anwärter auf die Rudel-Führerschaft niemals - wirklich NIEMALS - in diese Rolle.

In einem natürlich lebenden Hunde-Rudel würden dauerhaft aggressiv kreischende, kläffende und andere terrorisierende Hunde verstoßen werden. Ausgesondert aus dem Rudel. Verbissen. Auf sich allein gestellt. ... und damit im Regelfall dem sicheren Tod ausgesetzt.

Das mag man als "krass" empfinden, doch die Natur kennt keine Gnade. Und die Instinkte der Hunde sind von der Natur geschaffen worden.

Das gilt auch für uns Menschen! Hunde nehmen aggressive "Führungs-Anwärter" nicht dauerhaft ernst. Sie beugen sich dem Terror vielleicht eine Weile lang. Doch irgendwann läuft das Fass über. Und dann machen sie, was ihre Instinkte ihnen sagen: »Werde den Typen los! Er taugt nicht zum Rudel-Führer. Und er hat sich auch als Rudel-Kamerad nicht bewährt.«

... tja, und dann beginnt das, was viele Leute aus eigener Erfahrung kennen: Der Hund setzt seinen eigenen Willen durch. Gnadenlos. Und notfalls auch aggressiv gegen seinen hauptamtlichen Leinenhalter und Dosenöffner.

Woran erkennt mein Hund, dass ich nur schauspielere?

Immer dann, wenn deine Stimme schrill wird; immer dann, wenn deine Körpersprache nicht den Erwartungen des Hundes entspricht, immer dann, wenn du fahrige Bewegungen machst und unwirsch handelst, immer dann, wenn deine Emotionen dir den Verstand vernebeln, ...

... kurz gesagt: immer dann, wenn du einen "verzweifelten" Eindruck machst, glaubt dir dein Hund gar nichts mehr.

Anfangs wird er vielleicht noch der Form halber nett sein (es könnte ja sein, dass du mal einen schlechten Tag hast). Doch sobald er gelernt hat, dass du nur eine Schauspieler-Maske trägst und in Wirklichkeit inkonsequent bist, bist du für ihn erledigt.

Praxis-Tipp: Was kann ich tun?

Lerne Souveränität! Das ist das einzige wirkliche Hilfsmittel; denn du MUSST authentisch sein.

Bleibe so lange wie irgend möglich stets ruhig und gelassen. Sei nur aggressiv und/oder laut, wenn es gar keine anderen Möglichkeiten gibt. Und selbst dann sei es nur für einige Sekunden.

All das kannst du nur sein, wenn du möglichst viel über deinen Hund weißt. Warum verhält er sich so, wie er sich verhält? Was treibt ihn an? Wie kann ich verhindern, dass er sich aufschaukelt? Und wie kann ich ihn aus einer völlig verfahrenen Situation wieder rausbekommen? ... Diese und viele, viele andere Fragen brauchen eine Antwort.

Doch dein Tier ist keine "Standard-Maschine von der Stange"; wie etwa ein Kühlschrank oder eine Waschmaschine. Jeder Hund und jeder Mensch tickt ein bisschen anders. Deshalb kann man dir zwar generelle Tipps und Hinweise geben; doch mit Leben musst du - ganz allein du - sie füllen.

Das ist eine große Aufgabe. Doch du hast dir den Hund ja nicht nur geholt, weil du Fell lustig findest oder weil er als Welpe ach soooo niedlich war. Dein Hund soll dein Partner, Begleiter, Seelentröster, Beschützer und was-weiß-ich-alles-noch sein. Und im Gegenzug erwartet er auch von dir etwas: Nämlich, dass du ihm ein gutes, sicheres, stabiles und ernsthaftes Rudel gibst.

Keine Sorge! Das klingt alles schlimmer, als es in Wirklichkeit ist. Du brauchst nur die Bereitschaft, etwas Lernen zu wollen; und die Einsicht, dass du von deinem Hund mehr lernen kannst, als er von dir...

Beobachte es selbst! Der echt dominante Hund in einem Rudel oder auf einer Hunde-Wiese ist meistens leise und unauffällig; und er hält sich bevorzugt am Rand auf; dort, wo er die anderen gut im Blick hat. Er rauft nicht um seine Stellung, er bricht keinen Streit vom Zaun. Und er löst viele Konflikte im Rudel allein dadurch, dass er erhobenen Hauptes "durch das Rudel stolziert".

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