Dominanz & Disziplin

Viele Menschen, die sich einen Hund anschaffen wollen, oder die bereits einen Hund besitzen, reagieren affektiert und entsetzt auf die Worte "Dominanz" und "Disziplin".

Das kommt vor allem daher, dass diese Worte in der heutigen Gesellschaft negativ besetzt sind. Jeder von uns kennt einen "dominanten Chef", der seine Leute schikaniert und diszipliniert; und den er am liebsten auf den Mond schießen will. Sowas würde man seinem Hund nie antun wollen.

Doch wenn wir von Dominanz und Disziplin reden, meinen wir damit nicht den arroganten Chef und sein Verhalten, sondern den natürlichen Hintergrund dieser Begriffe. Es gibt einfach keine besseren Begriffe, um es zu beschreiben.

... Schauen wir es uns mal an.

Sind diese Begriffe "veraltet"? Wissen wir es heute besser?

Vielfach ist in Hunde-Büchern und Hunde-Foren zu lesen, dass »die Zeiten von Dominanz und Disziplin überholt und veraltet« seien. Heute würde man sich "modernerer Methoden bedienen".

Daraus entsteht der weit verbreitete Irrglaube, man könne Hunde sogar anti-autoritär erziehen. Doch - wie bei vielen Dingen so auch hier - wird dabei extrem übertrieben. Statt "dem Tier zuliebe" zu handeln, erwürgen diese Menschen ihr Tier mit völlig falsch verstandener "Tierliebe".

Natürlich sollten die Zeiten, in denen man einen Hund durch "Angst vor dem Herrchen" zu erziehen versucht, endgültig der Vergangenheit angehören. Es gibt keinen - wirklich KEINEN - guten Grund, einen Hund zu verprügeln, auszuschimpfen oder anzuschreien.

Auf der anderen Seite steht aber: Auch heute noch sind Dominanz und Disziplin notwendig. Notwendiger sogar noch, als es früher war. Denn heute leben Hunde nicht mehr auf einem 5-Hektar-Grundstück, sondern teilen sich den Lebensraum von wenigen Quadratmetern mit Menschen und die Wiese vor der Tür mit Dutzenden - meist nicht "zum Rudel gehörenden", also fremden - anderen Hunden.

Und obendrein sind die meisten Hunde heute "arbeitslos". Einst als Hüte-, Wach-, Schutz-, Jagd- oder sonstige Arbeitshunde , etwa zum Schlitten ziehen, gezüchtet, ist ihre Aufgabe heute meist auf "hübsch aussehen" und "nett sein" beschränkt.

Dominanz

Natürlich lebende Hunde in einem Rudel schaffen sich ganz automatisch eine Hierarchie: Es gibt einen oder mehrere Chefs (die sogenannten "Alpha-Tiere"). Und es gibt die anderen Rudel-Mitglieder.

Und die Aufgabe der Chefs ist es nicht, den Chef raushängen zu lassen. Vielmehr ist es ihre Aufgabe, stets den Überblick zu bewahren, das Rudel zusammenzuhalten und die Aufgaben des Rudels - etwa bei der Jagd, bei der Wanderung, in Gefahren-Situationen oder bei anderen Dingen - zu koordinieren.

Dominanz bedeutet nichts anderes als »sich durchsetzen können«.

Bekommen Hunde diese natürliche Ordnung nicht vom Menschen, sagen ihre Instinkte ihnen, dass das nicht gut ist, weil es das Überleben gefährdert. Sie verstehen das menschliche Konzept von "Polizei, Gesetzen und Gerichten" nicht. Aus ihrer Sicht muss man auf sich selbst aufpassen und sein Rudel selbst vor den Gefahren da draußen schützen. Also versuchen sie selbst, diese Ordnung herzustellen. Ganz natürlich. Ganz instinktiv.

Findet sich also keiner, der den Job des Rudel-Führers übernehmen will, dann müssen sie ihn notgedrungen selbst machen. Nicht, weil sie "macht-geil" sind; sondern weil es ihnen ihre Instinkte befehlen.

Das Rudel folgt dem Rudel-Führer Wer bei euch der Rudel-Führer ist, kannst du leicht an einem Leinen-Spaziergang ausprobieren. Bestimmt dein Hund durch Ziehen an der Leine, wo es langgeht, hat er die Rolle des Rudel-Führers übernommmen.

Die meisten Hunde sind nicht dominant Die wenigsten Hunde sind "geborene Anführer"; denn ein gesundes Rudel braucht nur wenige Anführer. Logisch, denn in der Natur ist die Zahl der notwendigen Rudel-Führer meist auf 1, 2 oder 3 Tiere begrenzt, während es 20 und mehr Mitglieder eines Rudels geben kann.

Disziplin

Natürlich lebende Hunde leben nicht in einer anti-autoritären Welt, in der es keine oder kaum Regeln oder Grenzen gibt. Im Gegenteil: Für sie hat eine gute Welt klare, berechenbare, vorhersagbare und verlässliche Strukturen. Denn alles Neue bedeutet in der freien Natur auch Gefahr: Frisst es uns? Tötet es uns? Verprügelt es uns? Gefährdet es das Rudel und den Schutz, den ich hier habe?

Wenn man sie selbst festlegen lassen könnte, was sie sich am meisten wünschen, dann würden sie etwa das Folgende sagen:

»Zeige mir, was ich im Rudel darf; und was ich nicht darf. Und dann achte darauf, dass diese Regeln eingehalten werden. Von dir. Aber auch von mir selbst. Doch 'bestrafe' mich nicht. Bestehe einfach nur immer darauf, dass die Regeln eingehalten werden. Und zwar genau dann, wenn eine Regel-Übertretung droht.«

Hunde verstehen unter Disziplin also nicht die "Disziplinierung durch Strafe", sondern das "Durchsetzen der Einhaltung der Regeln des Rudels". Ihnen ist das Konzept der "Bestrafung NACH der Tat" völlig unbekannt. (siehe dazu den Abschnitt "Bestrafung nach der Tat? Sinnlos!"

Stattdessen wünschen sie sich die Zurechtweisung WÄHREND der Tat. Denn nur, wenn sie den Zusammenhang zwischen Tat und Zurechtweisung sicher erkennen können, haben sie auch eine Chance, zu lernen, was sie falsch gemacht haben.

Disziplin = Einhaltung der Regeln im Augenblick der Tat Hunde verstehen die "Strafe nach der Tat" nicht. Für sie ist das völlig absurd. Stattdessen kapieren sie nur die Zurechtweisung WÄHREND der Tat. Nicht eine Minute später.

Der einfachste Weg

Das mag jetzt erst mal ziemlich erschlagend wirken: » Ja, Himmelherrgott noch mal, wie soll ich das denn schaffen? Wie soll ich dominant sein, ohne zu strafen? Wie soll ich Disziplin einfordern, ohne böse zu werden, wenn mein Hund immer wieder über die Stränge schlägt?«

Doch eigentlich ist es ganz einfach, wie du in den Grundregeln der Hunde-Erziehung nachlesen kannst: »Sei immer konsequent, verlange meistens Disziplin und gib manchmal Zuneigung in Form von Streicheln.«

Mehr musst du nicht machen. Weniger solltest du nicht machen. Dann wird dein Hund deine Dominanz, also deine "Vorherrschaft", akzeptieren und es dir mit (weitgehender) Disziplin danken. Und das wiederum befreit euch beide von einer Vielzahl an Problemen, mit denen ihr euch sonst gegenseitig das Leben schwer macht...