Bestrafung nach der Tat? Sinnlos! Und kontraproduktiv.

Oh ja! Es ist eine absolut menschliche Reaktion: Verärgerung, Frust, ja, sogar Wut, wenn etwas falsch gemacht wird.

Und für uns Menschen ist es nur natürlich, dieser Verärgerung Ausdruck zu verleihen: Wir falten den anderen Menschen auf Briefmarken-Größe zusammen. Wir schimpfen mit ihm. Wir erklären ihm ausführlich, was uns nicht gepasst hat; und warum es falsch war.

Doch versetzen wir uns mal in den Hund: Hunde reden nicht. Sie diskutieren nicht. Und du wirst NIEMALS erleben, dass sich ein Rudel-Führer hinstellt und sagt: »So Leute, das eben war richtig Scheiße. Wir müssen reden!«, oder dass er gar zu einem Rudel-Mitglied hingeht und es windelweich prügelt, weil es vorhin bei der Jagd einen Fehler gemacht hat.

Warum ist das so?

Machen wir dazu mal ein Beispiel:

Angenommen, du befindest dich im Amazonas in einem Dorf der dortigen Eingeborenen. Und du hast, sagen wir, Hunger. Also isst du etwas.

Doch zwei Stunden später entdecken die Einwohner den leeren Teller. Und plötzlich kreischen alle Einwohner entsetzt auf. Obendrein kommt der Dorf-Chef zu dir und verprügelt dich, dass dir Hören und Sehen vergeht. Dabei redet er die ganze Zeit auf dich ein. Dummerweise verstehst du aber kein einziges Wort.

Aus der Sicht der Einwohner hat man dich bestraft und diszipliniert. ... Doch wie sieht es mit deiner Sicht aus? Hast du verstanden, was du falsch gemacht hast?

War es das Essen? Oder hast du einfach nur gerade am falschen Ort gestanden? Wenn es das Essen war: War es der Zeitpunkt des Essens? Hättest du um diese Zeit nicht essen dürfen? War das vielleicht gar kein "Essen", sondern die geplante Gabe für die Götter, die du da verspeist hast? Oder lag es daran, dass du nicht vor dem Essen die Götter gepriesen hast; dass du nun also Unglück über das Dorf bringst?

Du weißt es nicht, oder?! ... Wie kannst du also wissen, wie du dich beim nächsten Mal, wenn du wieder Hunger hast, richtig verhalten sollst?

Die Dorf-Einwohner haben es dir gerade eben erklärt. Doch du hast kein einziges Wort verstanden. Und ihre "Bestrafung" erfüllt den Zweck auch nicht. Denn du weißt nicht, wofür genau du bestraft wurdest.

Kurz gesagt: Auch, wenn du noch so sehr bemüht bist, niemanden zu verärgern: Du hast - trotz Bestrafung - keine Ahnung, wie du es beim nächsten Mal richtig machen kannst.

Hunden geht es wie den Menschen

Da Hunde die menschliche Sprache und das menschliche Weltbild genauso wenig verstehen, wie du die Sprache und das Weltbild der Eingeborenen verstehst; geht es ihnen nicht anders als dir:

Werden sie erst nach einer Tat bestraft, wissen sie einfach nicht, wofür genau du sie bestrafen willst.

Angenommen, dein Hund hört mal wieder nicht, wenn du ihn rufst. Du wirst immer frustrierter, je länger er in der Entfernung herumturnt. Und du wirst immer sicherer: »Der will mich doch verarschen! Der weiß ganz genau, dass er herkommen soll, wenn ich ihn rufe. Wir haben das schon tausend Mal geübt.«

Aber irgendwann kommt er nach Dutzenden Rufen schließlich doch zu dir.

Du bist mittlerweile sowas von geladen, dass du explodierst, kaum dass er wieder vor dir steht: Du hältst deinem Hund eine Wut-Rede und schüttelst ihn am Halsband ordentlich durch.

Dein Hund steht nun da, wie ein begossener Pudel:

»Bestraft er/sie mich jetzt dafür, dass ich gekommen bin? Oder bin ich zu schnell oder zu langsam gekommen? War ich zu lange weg? Oder nicht lange genug? ... Herrgott noch mal: ICH WEISS ES NICHT.

Ja, ich sehe und merke es am eigenen Hals: Er/sie ist stinke-sauer. Doch warum? Was genau war mein Fehler? Was genau habe ich falsch gemacht?«

Dein Hund versteht - wie du im Beispiel aus dem vorigen Abschnitt - kein einziges Wort, das du da sagst. Er erkennt, dass du sauer bist. Doch er erkennt nicht, warum du sauer bist.

Und schlimmer noch: Dein Hund kommt zu dir und du bestrafst ihn. Bete zu deinem Gott, dass er nicht auf die Idee kommt, zu glauben, dass du ihn bestrafst, weil er zu dir gekommen ist!

Ich habe ihn doch gerufen. Also muss er herkommen. Nein. Nicht unbedingt. "Zurückkommen beim Rufen" ist ein Trick, den der Hund lernt. So, wie du eine Fremdsprache lernst. Für Hunde ist es natürliches Verhalten, sich am Rudel zu orientieren. (Deshalb schaut er dich zwischendurch auch immer wieder mal an.) Aber es ist nicht natürlich, dass er "auf Abruf zum Rudelführer antrabt". Und mit "Tricks" geht es ihm wie dir: Er macht sie nur, wenn er dafür den Nerv hat. Hat er den Nerv nicht, dann macht er sie gar nicht oder nur halbherzig.

Wie bestrafe ich richtig?

In beiden Beispielen oben haben wir die Sicht der Bestraften auf die Strafe veranschaulicht. Und beide Male sind wir zu der Erkenntnis gelangt: »Bestrafung nach der Tat ist völlig sinnbefreit. Da lädt einer seine Wut und seinen Frust ab. Mehr passiert nicht. Der Bestrafte kann daraus nicht lernen.«

Gibt es also eine Möglichkeit der "richtigen Bestrafung"? Eine Bestrafung, die dem Bestraften die Möglichkeit gibt, daraus zu lernen?

Und die Antwort lautet: »Ja, die gibt es. Doch anders, als du vermutlich denkst.«

Wenn du Hunde beobachtest, wirst du NIEMALS erleben, dass ein Hund einen anderen Hund "hinterher" für irgendwas bestraft. Wenn sich ein Hund nicht an die Regeln hält, wenn er etwa gar zu stürmisch herumtobt, dann wird er SOFORT zurechtgewiesen. Ein kurzes Knurren, vielleicht auch ein kurzes Schnappen nach dem allzu dreisten Hund ... und schon in der nächsten Sekunde toben beide wieder zusammen über die Wiese.

Es wird nichts nachgetragen. Nicht mal eine Minute lang. Und es wird auch nicht hinterher ausdiskutiert. Das Anknurren oder Schnappen ist der Aufruf zur Disziplin: »Du gehst zu weit. Übertreibe es nicht!« Und es erfolgt SOFORT, wenn die Regelübertretung droht oder gerade jetzt begangen wird.

Das reicht beiden. Denn nun weiß der gemaßregelte Hund: »Alles klar. Ich war zu stürmisch. Ich muss nur ein bisschen runterfahren, dann ist alles okay.«

Wir lernen daraus: Wenn du willst, dass dein Hund dich wirklich versteht, dann mach's wie die Hunde! Nix mit »Das klären wir noch, mein Freund!« Stattdessen: »Alter! Übertreib's nicht!«, um dem Hund zu zeigen: »Achtung! GENAU HIER & JETZT ist eine Grenze, die du nicht überschreiten solltest! Versuch's gar nicht erst, denn ich bestehe darauf, dass die Grenze eingehalten wird.«

Also ist "bestrafen" generell sinnlos?

Ja, "bestrafen" im Sinne des menschlichen Verständnisses von "Strafe" ist wirklich völlig sinnlos. Schlimmer noch: Bestrafen ist in den allermeisten Fällen sogar kontraproduktiv.

Dein Hund versteht das menschliche Prinzip von "Strafe" nicht. Aus seiner Sicht ist Strafe - womöglich auch noch mit Schlägen - nichts anderes als Terror. Ganz besonders gilt das in allen Fällen, in denen er nicht absolut mega-hyper-giga-eindeutig erkennen kann, wofür er bestraft wird. (Also in 99% aller Fälle.)

Und alles, was aus so einer "unberechenbaren Strafe" wird ist ... Angst. Angst vor deiner Willkür. Angst vor deinem Terror. Angst vor dir.

Das einzige, was er wirklich versteht, ist das ZURECHTWEISEN WÄHREND DER TAT. Also der Aufruf zur Disziplin, wenn du so willst.

Verzichte auf Bestrafungen! Wenn du sichergehen willst, dass eine Strafe keine Angst vor deiner Terror-Herrschaft erzeugt, dann verzichte komplett auf Strafen. Es gibt nur sehr, sehr wenige Fälle, in denen eine Strafe im menschlichen Sinne des Verständnisses dieses Begriffes ein wirksames Hunde-Erziehungsmittel ist. Denn eine unbegründete Strafe ist aus der Sicht des Bestraften - ganz egal ob Mensch oder Hund - reine Willkür. Und du kannst keine Begründung mitliefern, weil dein Hund die menschliche Sprache nicht versteht.