Sind wir eine "Familie"; oder sind wir ein "Rudel"?

»Was ist das für eine Frage? Natürlich sind wir EINE FAMILIE! ... oder?!«

Schon an dieser Stelle, schon bei dieser Antwort triffst du eine sehr wichtige Entscheidung: Vermenschlichst du deinen Hund? Oder bist du bereit, in seiner Welt zu leben; ihn als das, was er ist, zu akzeptieren?

Deshalb solltest du durchaus darüber nachdenken, welche Antwort du an dieser Stelle wirklich geben möchtest: Familie? Oder Rudel? Den Hund dazu zwingen, sich menschlich zu verhalten; und alles, was er macht, aus der Sicht der Menschen zu deuten? Oder den Hund Hund sein lassen und den eigenen Verstand benutzen, um zu begreifen, "wie der Hund tickt" und warum er macht, was er macht?

Auf einmal ist diese Antwort gar nicht mehr so leicht, nicht wahr?!

Was unterscheidet eine Familie von einem Rudel?

Genau genommen unterscheidet beides nur sehr wenig. Doch das Wenige ist wichtig:

In einer Familie wird der Hund gezwungen, "ein Mensch zu sein"; er wird vermenschlicht. Man quatscht ihm die Ohren blutig, weil man glaubt und hofft, dass der Hund es schon verstehen werde. man knuddelt ihn, wenn man selbst das Gefühl hat, dass es jetzt schön wäre. Kurz gesagt: Man behandelt den Hund wie einen Menschen.

In einem Rudel wird der Mensch gezwungen, "ein Hund zu sein". Man benutzt die Sprache, die der Hund versteht (s. Körpersprache). Man versucht zu verstehen, warum der Hund jetzt dieses oder jenes gemacht (oder eben auch unterlassen) hat. Und man bringt ihm die Verhaltensregeln bei, die in jedem Rudel gelten.

Wirst du also Rudel-Mitglied;
oder wird der Hund Familien-Mitglied?

»Freude an einem Hund haben Sie erst, wenn Sie nicht versuchen, einen halben Menschen aus ihm zu machen. Ziehen Sie stattdessen doch einmal in Betracht, selbst zu einem halben Hund zu werden« (Edward Hoagland)

»Es gibt gar keine "gemischten" Mensch-Hund-Rudel!«

"Neuere Forschung" behauptet gern, es gäbe gar keine gemischten Mensch-Hund-Rudel. Der Hund würde niemals einen Menschen in sein Rudel aufnehmen können, weil ein Mensch nun einmal immer ein Mensch bliebe und niemals ein Hund sein könne. Schließlich nähmen Hunde ja auch nie Hasen, Bären oder Katzen in ihr Rudel auf. "Man bleibe also stets unter sich und toleriere höchstens, dass da noch jemand herumspringt, der nicht gefressen werden darf."

Doch jeder, der ein enges Verhältnis zu seinem Hund entwickelt hat, kann das leicht widerlegen: Auch Hunde gestalten einen "engen Freundeskreis", dem sie vertrauen. Genauso, wie Menschen ihre Familien gestalten. Genauso, wie die wilden Hunde und Wölfe ihre Rudel gestalten. Und sie beziehen dabei den Menschen völlig selbstverständlich mit ein. Ja, sie interagieren auch auf die gleiche Weise mit ihm, wie sie mit allen Artgenossen im Rudel interagieren.

Sie bilden also sehr wohl "gemischte Rudel"... Und deshalb wirst du - wenn du deinen Hund glücklich machen willst - auch nie darum herumkommen, deine Sicht- und Denkweise deinem Hund anzupassen.