Wirklich Dominanz? ... Oder doch eher Unsicherheit & Angst?

"Will mein Hund der Boss sein?", "Ist mein Hund dominant?", "Warum will mein Hund der Chef sein?", "Warum greift mein Hund mich an?", ...

In diesem Abschnitt schauen wir uns Fragen, wie diese, etwas genauer an. Was sind die Gründe für das aggressive und dominante Verhalten des Hundes? Und - viel wichtiger:

Was können wir dagegen tun?

Aber bevor wir zur Therapie und Lösung greifen, sollten wir uns versichern, dass wir auch wirklich der echten Ursache auf der Spur sind. Schließlich macht es keinen Sinn, mit viel Kraft, Zeit und Geld die Waschmaschine zu reparieren, wenn doch eigentlich der Geschirrspüler kaputt ist, nicht wahr?!

Also schauen wir es uns genau an: Ist es wirklich Dominanz, was unser Hund da zeigt? Oder ist es vielleicht doch eher Verunsicherung oder sogar Angst (vor dir), die den Hund dazu treiben, sich so aggressiv zu verhalten?

Hand aufs Herz! Hier hilft uns nur absolute Ehrlichkeit weiter, wenn wir das Problem wirklich lösen wollen. Du musst es ja niemandem verraten. Es kann eine Sache zwischen dir und deinem Hund bleiben.

Ist es wirklich Dominanz?

Es macht nicht den geringsten Sinn, deinen Hund auf "Dominanz" zu behandeln, wenn er eigentlich gar nicht dominant, sondern "nur" völlig verunsichert oder sogar verängstigt ist.

Warum? All diese Verhaltensweisen äußern sich in sehr ähnlichen Symptomen, brauchen aber grundverschiedene Behandlung, um sie zu "heilen".

Finde die WIRKLICHE Ursache! "Mein Hausarzt hat meinen Nachbarn jahrelang auf Gelbsucht behandelt. Gestern hat er erfahren, dass mein Nachbar ein Chinese ist."

Echte Dominanz äußerst sich durch große Ruhe und Selbstbewusstsein. Dein Hund ist die meiste Zeit still, ruhig und völlig tiefenentspannt. Er weiß, dass er dominant ist. Und er ist davon überzeugt, dass auch du das weißt. Es gibt also keinen Grund für ihn, sich "aufzuplustern".

... aaaaber: Wenn du etwas machst, das er so nicht haben will, dann wird er dich korrigieren. Das beginnt mit Kleinigkeiten: Er versteift sich und stolziert herum, als hätte er Muskelkater, er stellt sich in deinen Weg, er knurrt leise und kurz, ... kurz gesagt: Er steigert seine Ermahnungen an dich immer mehr, bis er irgendwann - wenn du all diese Zeichen seiner Ermahnung ignorierst - durchaus auch nach dir "droh-schnappt"; also so tut, als würde er dich beißen wollen.

Sobald die Situation jedoch aus seiner Sicht bereinigt ist, wird er schlagartig wieder friedlich und zu einem wahren Schmuse-Hund.

Echte Dominanz äußert sich nur sehr eng begrenzt: Sowohl zeitlich (sehr kurz), als auch in Bezug auf die Situation (niemals "ohne Grund").

Echte Dominanz richtet sich ausschließlich auf Situationen, die dein Hund auch kontrollieren kann. (Kläffen am Zaun oder an der Tür ist KEINE echte Dominanz. Doch dich daran hindern, ein Zimmer zu betreten, KANN echte Dominanz sein.)

Unechte Dominanz ist schrill, laut, unsicher, affektiert, überdreht, ...

Wegen der Unsicherheit kommt der Hund nie zur Ruhe. Permanent hat er das Gefühl, "sich beweisen zu müssen". Andauernd glaubt er, die Dinge kontrollieren zu müssen: Er rennt zum Zaun und "vertreibt Fußgänger", er legt sich mit vorbeifahrenden Radfahrern, herumlaufenden Joggern und fremden Hunden an, er rennt kläffend zur Tür, um das eigene Revier vor Eindringlingen zu verteidigen, ... er zeigt unzählige Verhaltensweisen, die völlig unnatürlich sind und ihn selbst "in den Wahnsinn treiben" ...

Unechte Dominanz fühlt sich permanent unsicher und im eigenen Status angegriffen. Deshalb muss sie sich permanent verteidigen.

Unechte Dominanz richtet sich auf praktisch alle Situationen, ganz egal, ob eine Chance besteht, sie kontrollieren zu können oder nicht. Der Hund glaubt, allein durch die Aufregung beweise er seine Kontrolle über die Situation.

Da unechte Dominanz nicht imstande ist, Situationen wirklich zu kontrollieren, führt sie in einen Teufelskreis, an dessen Ende mehr oder weniger starke neurotische Störungen stehen.

... oder ist es doch Unsicherheit und Angst (vor dir)?

Oh! Mein! Gott! "Angst? Vor MIR? Geht's noch?! Warum sollte mein Hund Angst vor mir haben?" ... gehen dir diese Gedanken gerade durch den Kopf? Gut so! Denn darauf solltest du GENAU JETZT eine Antwort finden. Eine ehrliche Antwort.

Kann es sein, dass du dich so inkonsequent, so unstet, so unklar, so uneindeutig, so unberechenbar verhältst, dass dein Hund nie so ganz genau weiß, ob er überhaupt eine Chance hat, sich richtig zu verhalten und straffrei auszugehen, gar gelobt zu werden? Kann es sein, dass du gelegentlich am Hund herumzerrst, wenn er etwas Falsches macht; du ihm aber keine Chance gibst, indem du ihm stattdessen in Ruhe, mit Geduld und Ausdauer das richtige Verhalten zeigst, bis er es gelernt hat und sicher anwenden kann?

Zwei einfache Fragen. ... und doch müssen wir alle zugeben: "Nope. So wirklich 100%ig ziehe ich das mit der echten Dominanz nicht durch." ... Die Frage lautet nun also nur noch:

Kann es sein,
dass wir es
übertrieben haben?

Kann es sein, dass wir unsere "schein-dominante Erziehung" übertrieben haben? Kann es sein, dass wir unseren Hund nicht Unterordnung, sondern Unsicherheit und Angst vor uns gelehrt haben? Unabsichtlich! Natürlich! Niemandem sei Absicht unterstellt. (Solche Leute würden hier gar nicht lesen.) Aber dennoch ... im Resultat trotzdem nicht das, was wir eigentlich wollten, nicht wahr?!

Jede Ausnahme - und sei sie noch so gut gemeint - ist aus der Sicht deines Hundes ein "Regel-Bruch". Brichst du häufiger Regeln, wirkst du nicht nur auf deinen Hund, sondern auch auf jeden Menschen unberechenbar.

Jedes Mal, wenn du an deinem Hund herumzerrst oder ihn bestrafst, ohne ihm zugleich geduldig das richtige Verhalten in dieser Situation beizubringen, verhältst du dich wie ein Tyrann.

Wie äußert sich Unsicherheit und Angst?

Damit wären wir bei der großen Frage: "Wie äußert sich Unsicherheit und Angst?" Und daraus folgend die Frage:

Wie kann ich
Unsicherheit und Angst
von Dominanz unterscheiden?

Und die Antwort ist wenig befriedigend: Unsicherheit und Angst drücken sich in unechter Dominanz aus. Sie lassen sich nicht von unechter Dominanz unterscheiden, weil sie sich als unechte Dominanz äußern.

Ängstliche Hunde beißen eher als dominante Hunde! Sei sehr vorsichtig im Umgang mit verängstigten Hunden! Sie beißen eher und häufiger zu als es dominante Hunde tun.

Unsicherheit deines Hundes kannst du an gesteigerter Unruhe erkennen. Immer dann, wenn dein Hund "sich aufregt", ist er unsicher. Und er versucht dann diese Unsicherheit mit scheinbarer Sicherheit zu überspielen. Er schauspielert ganz instinktiv.

Ein echt dominanter Hund muss nicht "unruhig" werden. Er weiß um seine Ausstrahlung. Und er ist sich sicher: Alle anderen sehen und wissen das ebenfalls. Daher muss er nicht zweifeln und unruhig werden. Denn er weiß: Unruhe strahlt Unsicherheit aus. Und Unsicherheit schadet seiner dominanten Ausstrahlung.

Angst drückt der Hund durch noch stärkere Symptome seiner Unsicherheit aus. Aus seiner Sicht bedeutet das: "Kannst du nicht flüchten oder ausweichen? Dann greife an!"

Wenn dein Hund also mit Knurren und "In-die-Luft-Schnappen" eine Bedrohungs-Situation aufbaut, dann kannst du mit fast 100%iger Sicherheit sagen: "Und so, liebe Freunde, sieht ein zutiefst verängstiger Hund aus!"

Aber würde ein unsicherer oder ängstlicher Hund nicht vor mir ausweichen?

Denken wir einmal an uns selbst: Wie würden wir uns verhalten, wenn wir unsicher oder sogar ängstlich wären? Würden wir dann nicht vor dem Problem (also vor dem Menschen) ausweichen und ihn meiden?

Warum macht mein Hund das nicht?

Und auch die Antwort auf diese Frage ist wenig befriedigend:

Er tut's ja.
Nur eben mit seinen Mitteln.

Auch Hunde würden ausweichen, ... wenn sie könnten. Doch sie können nicht, denn ihr "Ausweichen" würde bedeuten, dass sie dich viele, viele Meter umgehen. Nicht nur ein paar Schritte, sondern etliche Dutzend Meter. Mindestens. Am liebsten noch weiter.

Können sie das nicht, weil sie räumlich gebunden sind (Wohnung, Haus, Hof, Garten, etc.), dann greifen sie zum zweiten instinktiven Mittel:

Sie werden
unecht dominant:
Sie fangen an zu posen.

Wenn Hunde nicht vermeiden oder flüchten können, dann gehen sie instinktiv zur "Selbstverteidigung" über. Notgedrungen. Denn ihre Instinkte sagen ihnen: "Wenn du nicht ausweichen kannst, dann bringe Kontrolle rein! Denn wenn du keine Kontrolle in die Situation bringst, bist du am Arsch." Und so fangen sie an, DICH zu bedrohen. Erst vorsichtig und zurückhaltend. Doch im Laufe der Zeit immer ausgeprägter. Und irgendwann droh-schnappen sie nach dir. Oder - ganz am Ende ihrer Verzweiflung - sie schnappen sogar nach dir.

Nicht mit dem Ziel, dich zu verletzen. Sehr wohl aber mit dem Ziel, dich auf Abstand zu halten.

"Flüchten, Kämpfen oder Vermeiden?" - das sind die drei Grund-Strategien deines Hundes. Eine davon wählt er in JEDER Situation, in der er eigene Entscheidungen treffen muss. Auch im Umgang mit dir.

Der ultimative Test: Dominanz oder Unsicherheit bzw. Angst?

Du bist immer noch unsicher, ob dein Hund Dominanz oder Unsicherheit bzw. Angst zeigt? Dann machen wir den ultimativen Test.

Für diesen Test brauchen wir nur die passende Situation. Warte auf eine Situation, in der dein Hund gegen dich aggressiv wird. (Knurren, aggressives Bellen, ggf. sogar Droh-Schnappen)

Dann führe den Test durch: Gib sofort und unmissverständlich nach. Ordne dich deinem Hund in dieser Situation sofort(!) und unmissverständlich(!) unter. Im Regelfall bedeutet das: Ziehe dich deutlich etliche Zentimeter zurück. Nicht mehrere Meter, sondern vielleicht einen halben Meter. Dort verharre und warte, was weiter geschieht.

Das Ergebnis dieses Schnell-Tests:

Ein echt dominanter Hund wird augenblicklich (und ohne die geringste Verzögerung) deutlich sichtbar entspannen. Er wird ruhig und zeigt KEINERLEI aggressive Zeichen mehr. Im Gegenteil: Er lässt sich sofort wieder anfassen, als ob nichts geschehen wäre. Damit sagt er dir: "Ich sehe, du hast es begriffen. Deine Disziplinierung war erfolgreich. Ich akzeptiere deine Unterordnung."

Ein unsicherer oder ängstlicher Hund wird noch eine Weile weiter drohen. Je nachdem, für wie kritisch er die Situation hält, und je nach deinem Verhalten wird er noch mindestens einige Sekunden seine Drohgebärde aufrecht erhalten, bevor er sich langsam entspannt. Doch er wird selbst nach der Entspannung der Situation immer noch "auf der Hut" (also vorsichtig) sein. Er wird sich in der ersten Zeit nach der Situation - und trotz deren Auflösung - nicht anfassen lassen. Damit sagt er dir: "Ich hoffe sehr, dass du es begriffen hast. Aber ich traue dir nicht. Ich fürchte, dass ich dich gleich noch einmal disziplinieren muss."

NICHT ANFASSEN! Es ist nicht notwendig, den Hund anzufassen! Der Augenschein, also das, was du siehst, sollte dir ausreichen, um es einzuschätzen. Verunsicherte und verängstigte Hunde neigen zum Angst-Beißen. Auch dominante Hunde werden unter Umständen zuschnappen, wenn sie deine Deeskalation nicht sicher erkannt haben. Weder ist es sinnvoll, noch ist es rational begründbar, es zu provozieren!

GRÖẞE VORSICHT! BEIẞ-GEFAHR! Verunsicherte und ängstliche Hunde beißen eher als dominante Hunde! Es besteht erhöhte Verletzungsgefahr! Fasse den Hund nicht an, wenn er Zeichen von Aggression zeigt und/oder du die Situation nicht einschätzen und kontrollieren kannst! "Ich habe gedacht/geglaubt, dass ..." ist KEINE ausreichende Einschätzung der Situation!

Was kann ich also machen?

Der erste und wichtigste Schritt ist ... nun ja, ... eine ehrliche Antwort auf die eingangs gestellte Frage:

Kann es sein,
dass der Hund
gar nicht dominant ist?
 
Kann es sein,
dass er in Wahrheit
verunsichert oder sogar verängstigt ist?

Nur dann, wenn wir uns hier eine ehrliche Antwort gestatten, haben wir auch eine gute Chance, unsere Probleme mit dem Hund ernsthaft und nachhaltig zu lösen. Dabei geht es nicht um "Schuldzuweisungen". Die helfen niemandem. Hier geht es ausschließlich darum, eine funktionierende Lösung zu finden.

Und die Lösungen fallen eben unterschiedlich aus:

Werde in jedem Fall souveräner, selbstbewusster und konsequenter! Wie das geht, und was du in den unzähligen verschiedenen Lebenssituationen mit deinem Hund machen kannst, um ihm das Vertrauen und den Respekt zu vermitteln, den es für ein gemeinsames und gesundes Leben mit deinem Hund braucht, zeigen wir dir auf unserer Website.

Der Rest liegt allein bei dir: ... Möchtest du weiterhin einen verunsicherten oder sogar verängstigten Hund zu Hause haben? Oder möchtest du einen selbstbewussten und lebensfrohen Hund haben?