Hunde-Begegnungen: Wann muss ich eingreifen? Wann nicht?

Viele Menschen glauben, es sei für ihren Hund ein großer Spaß, mit allen Artgenossen Kontakt aufzunehmen. Doch dabei vermenschlichen sie ihren Hund und ignorieren dessen natürliche Instinkte:

Jede Begegnung mit (fremden) Artgenossen ist für Hunde extremer Stress. Ihr Adrenalin-Spiegel geht durch die Decke, denn sie müssen in Sekundenbruchteilen entscheiden können, ob der andere Hund eine mögliche Gefahr für sie darstellt.

Ihre Aufmerksamkeit für den Artgenossen ist also alles andere als Freude. Im Gegenteil. Es ist ein Zeichen höchster Aufmerksamkeit. Und ja, sie würden die Begegnung meistens gern vermeiden, wenn sie entscheiden könnten. Doch ihre Halter lassen sie nicht entscheiden...

Faustregel: NIEMALS ungefragt eine Begegnung mit einem angeleinten fremden Hund provozieren! Wenn du nicht absolut sicher bist, dass die Begegnung 100%ig ruhig ablaufen wird, vermeide sie lieber. Im Zweifel sprich dich auf Distanz(!) mit dem anderen Hundehalter ab.

Manchmal aber ... nun ja, manchmal begegnet man diesen völlig gedankenlosen Hundehaltern, die einfach auf uns losstürmen, weil sie "ihrem Hund etwas Gutes tun wollen" und beide Hunde zu einer Begegnung zwingen. Dann ist für uns mal wieder so eine Bewährungsprobe als echt dominanter Rudelführer angebrochen.

Auf der Seite Hunde-Begegungen: Richtig & Falsch haben wir einen Überblick zusammengestellt, was man bei so einer Begegnung richtig und falsch machen kann. Hier wollen wir uns nun einer weiteren wichtigen Frage widmen:

Wann muss ich eingreifen?

Wann läuft so eine Begegnung aus dem Ruder? Und wann können (oder sollten) wir das Verhalten der Hunde noch tolerieren? Schließlich wollen wir ein guter Rudelführer sein, der sich den Respekt seines Hundes ehrlich verdient hat, nicht wahr?!

Bevor wir beginnen: Grundwissen für Extrem-Situationen

Bevor wir in die Vollen gehen, lass uns noch mal schnell rekapitulieren, welches Verhalten Hunde in Extrem-Situationen, wie bei Begegnungen mit fremden Hunden, instinktiv zeigen.

1. Flucht: Solange sie können, werden Hunde immer die Flucht bevorzugen. Das können sie instinktiv jedoch nur so lange, wie der andere Hund sie noch nicht bemerkt hat.

2. Kampf: Ist Flucht nicht mehr möglich, richtet sich der Hund instinktiv auf einen potenziellen Kampf ein. Je nach Charakter wird er sich dabei aggressiv, passiv-aggressiv oder - zumindest, so lange es geht - auch unterwürfig verhalten.

3. Vermeiden: Glaubt der Hund, die Flucht sei nicht möglich und einen Kampf würde er nicht gewinnen, wird er zur Vermeidungs-Haltung greifen. Auch das kann sich in Abhängigkeit vom Charakter unterschiedlich ausprägen: Der eine Hund wirft sich sofort auf den Rücken; ein anderer Hund wird vorsichtigere Defensiv-Signale senden.

Mehr dazu findest du auf der Seite Flüchten, Kämpfen oder Vermeiden?

Nun aber wirklich: Wann sollte ich eingreifen? Wann nicht?

Grundsätzlich gilt: Wir sollten es den Hunden überlassen, wann sie ihre Begrüßung abgeschlossen haben. Das werden sie uns deutlich zeigen, indem sie idealerweise zum gemeinsamen Spiel (meist beginnt es mit einem "Lauf-Spiel") übergehen.

Nur, wenn sie sich - Achtung! - DAUERHAFT & PAUSENLOS streiten und partout nicht einig werden können, wie sie ihre (temporäre) Beziehung miteinander gestalten sollen, - und wirklich NUR DANN - können, sollten (und müssen) wir eingreifen und die Hunde ggf. voneinander trennen.

Dabei sollten wir einiges an Geduld mitbringen. So eine Begrüßung untereinander kann durchaus fünf oder noch mehr Minuten dauern. Sie muss nicht so lange dauern, doch sie kann. Das hängt maßgeblich von den Charaktereigenschaften und der Sozialisierung beider Hunde ab. Begegnen sich beispielsweise zwei sehr starke Charaktere, wird das "Ausfechten" der (temporären) Rangordnung ganz sicher nicht ruhig ablaufen und kann mehrere Minuten dauern. Begegnen sich hingegen zwei sehr unterschiedlich starke Charaktere oder zwei Hunde, die sich häufiger treffen und schon gut kennen, kann so eine Begrüßung auch schon nach 30 Sekunden erledigt sein.

Und so eine Begrüßung kann sich "borderline-artig" zwischen friedlicher Konversation und giftigem Knurren, Bellen, Anrempeln bewegen: Eben noch friedlich aussehend, wird kurz "Macht demonstriert", um gleich darauf wieder friedlich zu werden, ... doch nur, um Sekunden später schon wieder Grenzen aufzuzeigen. ... All das ist normal. All das gehört zur üblichen Kommunikation der Hunde.

In jedem Fall werden die Hunde deutlich anzeigen, wenn sie mit dem "Handshake" fertig sind. Dann - und ERST DANN - haben wir als Rudelführer wieder eine Führungsgelegenheit und können die Hunde gemeinsam spielen lassen oder weiterziehen und getrennte Wege gehen.

Du hörst Schmerz- oder Angstjaulen?

Je nach Charakter und/oder erfolgreicher Sozialisierung eines oder beider Hunde kann eine Begegnung durchaus ruppiger ablaufen, als wir uns das eigentlich wünschen. Das ist normal. Das ist (meistens) okay. Und ja, das verlangt uns dann einiges an Einschätzungsvermögen ab, wann eine Situation zu weit eskaliert und wir tatsächlich eingreifen müssen.

Insofern kann man hier keine generelle und ultimativ richtige Reaktion vorschreiben. Aber eine gute Faustregel können wir hier als Richtlinie festhalten:

Kurzes Aufheulen? Dann wieder (halbwegs) gesittetes Verhalten und Ruhe? In diesem Fall gehört es dazu und wir lassen die Hunde weiterhin ihr Ding durchziehen.

Es ist Teil der Kommunikation zwischen Hunden, anzuzeigen, dass der Andere es mit seinen Forderungen übertreibt. Dazu gehört eben auch ein kurzes Aufheulen, etwa, wenn der Andere zu fest zuzwickt, um seinen Anspruch durchzusetzen.

Stelle dir einfach vor, du würdest dich mit einem super-netten Menschen treffen, der aber leider ein sehr robustes "Begrüßungsverhalten" an den Tag legt: Er klopft einem gern so stark auf den Rücken, dass es einem die Schmerz-Tränen in die Augen treibt.

Das ist kein ernsthafter Grund, diesen Menschen nun zu meiden, oder?! Stattdessen keuchst du kurz auf, atmest durch, wischst dir die Schmerz-Tränen aus den Augen und freust dich trotzdem, ihn zu treffen.

Ununterbrochenes Jaulen und eindeutig unterwürfiges Verhalten des jaulenden Hundes? Dann - und NUR DANN - sollten wir eingreifen und beide Hunde zumindest zur Ordnung rufen; ggf. aber auch voneinander trennen.

Erst, wenn das Jaulen wirklich kein Ende nimmt oder anhaltend kläglich ist; und wenn einer der beiden Hunde nachhaltig eindeutig defensives und/oder unterwürfiges Verhalten zeigt, ist für uns die Zeit gekommen, hier mal dazwischenzuhauen. Dabei gilt die Grundregel der echten Dominanz: So wenig Aufwand wie möglich, so viel Aufwand wie nötig! Das heißt: Wir beginnen mit einem Ordnungsruf an die Hunde ("Öh! Übertreibt's nicht!") und steigern unseren dominanten Anspruch in wohldosierten Schritten.

Du siehst Blut?

Blut? Ja, Blut. Und selbst das ist keineswegs ein ultimativer Indikator, solange es nicht in Strömen fließt: Manchmal "passiert es einfach", ganz aus Versehen und von beiden ungewollt.

Stelle dir vor, du machst mit deinem Partner eine Kissenschlacht im Bett. Dabei schubst er dich im Spaß; du verlierst das Gleichgewicht und stößt dir den Knöchel am Bett blutig.

Der Schmerz durchzuckt dich, dir tränen die Augen, ein paar Tropfen Blut fließen. ... Aber hey, es war unabsichtlich. Und die Kissenschlacht macht so viel Spaß. Also kurz ein Pflaster drüber und weiter geht's ... Oder?!

Wenn aber einer der beiden Hunde eindeutig defensives und/oder unterwürfiges Verhalten zeigt, dann ist "Blut" für uns eine Grenze, an der wir eingreifen und uns als guter Beschützer unseres Hundes erweisen sollten und können.

Dein Hund wird vom anderen "auf den Rücken bzw. auf die Seite gedreht"?

Dieser Alpha-Wurf ist ein typischer Indikator, dass dein Hund es mit einem sehr dominanten Hund zu tun hat, der keinen Widerspruch duldet.

Dein sonst doch immer so starker und selbstbewusster Hund mag nun herzzerreißend bemitleidenswert unter dem anderen auf dem Rücken bzw. auf der Seite liegen; doch im Grunde ist die Situation eigentlich schon geklärt. Wenn dein Hund halbwegs sicher im Sozialverhalten ist, ist das kein Grund zum Eingreifen. Schon bald werden beide Hunde gemeinsam aufspringen und nebeneinander friedlich über die Wiese rennen.

Ernsthafte Kampf-Gefahr! Sollte der unterlegene Hund Sozial-Defizite haben und seine Unterlegenheit nicht umgehend und vollumfänglich anerkennen, MÜSSEN beide Hunde unter Kontrolle gebracht werden! Anderenfalls besteht die dringende Gefahr, dass die nächste Eskalations-Stufe erreicht wird: Und das bedeutet ernsthaftes und blutiges Beißen!

Sollte er aber Sozial-Defizite haben, dann solltest du den Halter des anderen Hundes bitten, seinen Hund abzurufen, um die Situation schleunigst zu deeskalieren. Denn wenn dein Hund jetzt falsch reagiert, sich gar gegen diese Unterwerfung widersetzt, ist der nächste Schritt eine ernsthafte und blutige Rauferei der Beiden.

Dein Hund sucht Schutz bei dir?

Kann dein Hund keine ordentliche Begrüßung mit dem fremden Hund hinbekommen, wird er dir das zeigen: Er nutzt die erstbeste Gelegenheit, in deinen Schutz zu gelangen. Dann wird er versuchen, zwischen deine Beine zu gelangen oder dich zwischen sich und den fremden Hund zu bringen.

Selbst in dieser scheinbar klaren Situation gibt es noch keine klare Antwort, was wir hier richtigerweise tun sollten. Vielmehr hängst es sehr stark davon ab, wie der andere Hund sich verhält und - vor allem - was der andere Hundehalter macht.

Wenn dein Hund Sozial-Defizite im Umgang mit Hunden hat, dann erteilt der andere Hund ihm gerade eine wichtige Lektion, die wir nicht behindern sollten: "Du kannst dich nicht einfach drücken, wenn es mal nicht nach deinem Kopf geht. Stehe es durch!" Das gilt ganz besonders, wenn der andere Hund keinen besonders aggressiven oder aufdringlichen (lies: sozial-defizitären) Eindruck macht.

Wenn dein Hund aber eigentlich einen soliden und sicheren Umgang mit Hunden kennt und beherrscht, dann hat er zwischen deinen Beinen oder hinter nichts zu suchen. Er kennt doch die Regeln der Begrüßung und der damit einhergehenden Rangordnungs-Diskussion. Also sollte er sie auch befolgen.

Hier kommen wir aber zu einer ebenso wichtigen wie seltenen Ausnahme: Wenn der andere Hund extreme Sozial-Defizite im Umgang mit Hunden hat und dein Hund mit seinem Latein der Demonstration seiner eigenen Unterwürfigkeit am Ende ist.

Das sollten wir ernst nehmen. An dieser Stelle beweisen wir uns als guter Beschützer und Lehrer und stellen uns passiv-aggressiv gegen den fremden Hund. Wichtig: PASSIV-AGGRESSIV! Also nicht den anderen Hund anbrüllen und schon gar nicht auf ihn losstürmen, aber eine deutliche und hoffentlich unmissverständliche Drohung an ihn schicken, dass "Näherkommen" für ihn bedeutet, dass er sich mit dir anlegen wird. (Gesegnet ist, wer die Körpersprache beherrscht.)

Jetzt sollte auch der andere Hundehalter eingreifen und seinen Hund zurechtweisen. Denn im Zweifel kann es bedeuten, dass der fremde Hund nun auch dich angehen wird.

Fordere ZUERST den anderen Hundehalter auf, seinen Hund unter Kontrolle zu bringen. Er ist jetzt deine/eure beste Chance. Brülle den anderen Hundehalter jedoch NICHT an, vermeide vor allem die schrille Tonlage, die viele Menschen an den Tag legen, wenn sie Angst haben oder unsicher sind, und vermeide vorerst unbedingt auch jede hektische Bewegung. Fordere ihn stattdessen in klarem Kommando-Ton mit normaler Lautstärke dazu auf, die weitere Eskalation zu verhindern. Danach nimm eine drohende Körperhaltung ein und starre den anderen Hund stumm an. Läuft er weiter auf dich zu, tritt ihm so selbstsicher, wie du nur irgend kannst, einen Schritt entgegen. Ducke dich dabei leicht, so dass du den Eindruck vermittelst, "zum Sprung auf den anderen Hund anzusetzen".

Achtung! Manchmal werden feige Hunde plötzlich mutig. Achte darauf, dass dein Hund nun nicht seinerseits dein Verhalten als "Signal zum Angriff" missversteht! Gerade sozial schwache Hunde neigen dazu, nun im Schutz ihrer Halter von Feigheit auf Übermut umzuschalten. Verhindere das unbedingt, indem du deinen Hund frühzeitig zur Ordnung rufst!

Alter Schwede! So komplex ist das?

Nein, eigentlich nicht. Wir haben hier lediglich versucht, die Handlungsgrenzen so genau wie möglich zu beschreiben. Damit bekommst du einen Handlungs-Rahmen für dich.

Und du siehst: Hier kann man mehr falsch als richtig machen. Ganz besonders, wenn - und solange - das Wissen noch nicht wirklich sicher sitzt. Deshalb auch der dringende Rat:

Weil es dann doch Erfahrung braucht: Vermeide einfach Begegnungen mit fremden Hunden, wenn du dir nicht 100%ig sicher bist, dass du die Situation im Griff haben wirst.

Das soll dir helfen, mehr Selbstvertrauen - vor allem aber Vertrauen in deinen und den fremden Hund - zu finden. Denn all das brauchst du, um ein guter Rudelführer zu werden: Denn je genauer du weißt, was gleich passieren wird, desto entspannter kannst du dem Ganzen entgegenblicken und deine eigene Strategie planen und umsetzen.

Und das wiederum bedeutet: Mehr ehrlichen Respekt von deinem Hund und mehr echte Dominanz für dich.