Ursachen der Dominanz: Warum ist mein Hund dominant?

Bevor wir uns darauf stürzen, unserem Hund Respekt beizubringen und ihm seine Dominanz durch bessere Erziehung abzugewöhnen, lass uns zunächst einmal einen Blick auf die Ursachen von Dominanz werfen.

Dabei gilt wie immer: Lass den Tierarzt mal gucken! So manche "Dominanz" stellte sich als "Reizbarkeit" des Hundes heraus, weil es ihm nicht gut ging. Und die kannst du nicht "weg-erziehen". Wenn es das nicht ist, und wenn es auch keine Rasse-typischen Gründe gibt, dann ist die Lösung für alle anderen Probleme: Grundsolide, konsequente Erziehung.

Die mit Abstand häufigste Ursache: Belohnung für dominantes Verhalten

Hunde lernen. Auch Unfug. Auch schlechtes Benehmen. Und dazu gehört auch "dominantes Benehmen". Das ist aber nicht Dominanz im eigentlichen Sinne. Das ist nur ein anderes Wort für "schlechte Erziehung".

Machen wir es mal an einem typischen Beispiel fest, wie man es alle Tage erlebt:

Ihr sitzt am Esstisch. Dein Hund davor. Er blickt euch mit schmachtenden Augen und tropfendem Zahn jeden Happen in den Mund. Doch ihr gebt ihm nichts ab. Irgendwann legt er dir die Pfote in den Schoß. Du denkst: » Oh, wie rüüüüührend! Guck mal! Er gibt Pfötchen. Ist das nicht süüüüüß?!« Und natürlich gibst du ihm nun etwas ab.

Aus der Sicht deines Hundes sieht das so aus:

» Alter, was geht denn hier ab?! Sehen die nicht, dass ich auch etwas haben will? Sind die dumm, oder was?! Ich muss der Sache wohl etwas dominanten Nachdruck verleihen, um meinen rechtmäßigen Anspruch zu beweisen.«

Also legt er dir die Pfote in den Schoß, um seine Dominanz-Rechte auszudrücken und dich so in seiner Sprache zu ZWINGEN, dir etwas zu geben.

Und - *zack!* - schon bekommt er etwas ab: » Siehst du geht doch! Stell dich beim nächsten Mal nicht so dumm an! Oder muss ich dir immer erst drohen?!«

Die bittere Ironie an der Sache? Dein Hund ist nicht dumm. Im Gegenteil! Er hat sehr wohl kapiert, was du ihm da gerade beigebracht hast. Und diese Erfahrung wendet er auf immer mehr und mehr Gebiete an. Je mehr Erfolg er damit hat, desto häufiger und intensiver. Bis er eines Tages drohend vor dir steht und du denkst:

»Mööööööööönsch!
Mein Hund ist dominant!
«

Unaufgefordert "Pfote auf dich legen" ist eine Dominanz-Geste! (Nicht verwechseln mit " Pfote in die Luft halten"! Das ist eine Bitt-Geste.) Du kannst es auch unter Hunden beobachten: Der dominante Hund legt dem unterworfenen Hund eine Pfote auf den Rücken.

Die zweithäufigste Ursache: Unbemerktes dominantes Verhalten

Dominantes Verhalten beginnt typischerweise mit winzigen Kleinigkeiten. Dein Hund testet seine Grenzen. Und er beginnt dabei ganz vorsichtig. Doch wird das nicht bemerkt, steigert er seine Bitten über Aufforderungen zu Forderungen bis zu offenen Drohungen.

Was also mit einer netten Bitte beginnt, kann durchaus - Monate oder Jahre später - in einer offenen Drohung enden. Wo also am Anfang ein niedliches Verhalten stand, das man ignorierte oder sogar gut fand; kann am Ende ein zähnefletschendes und knurrendes Verhalten stehen.

Doch das ist keine Dominanz im eigentlichen Sinne. Das ist Respektlosigkeit mangels Erziehung. Erst, wenn der Hund es in zu vielen Bereichen und Situationen als "gültiges Handlungsmuster" in Betracht zieht, wird es zur Dominanz. Dann ist allerdings die Erziehung schon ordentlich in den Brunnen gefallen.

Ursache: Fehlende, unzureichende oder falsche Sozialisation

Etwa zwischen der 8. und der 12. Woche (also im 2. und 3. Lebensmonat unseres Hundes) erlebt unser Hund seine Sozialisierungphase. In dieser Zeit lernt er den Umgang mit den Sozialpartnern, wie anderen Hunden, Menschen, anderen Tieren, etc.

Was der Hund in dieser Zeit lernt, vergisst er nie wieder. Es wird die Grundlage aller seiner sozialen Handlungen für den Rest seines Lebens. Was er jedoch in dieser Zeit NICHT lernt, braucht später deutlich mehr Zeit und Aufwand, um es doch noch "nachzulernen".

Normalerweise ist das noch weitgehend eine Aufgabe des Züchters. Und natürlich kann es sein, dass der Züchter seinen Job nicht so mega-ernst nimmt. (Wer jetzt den Finger heben und sagen will: » Hättste, hättste, hättste ... Scheiß Vermehrer! Ich sag nur VDH!«, der sollte das schnell runterschlucken: Dünnes Eis! Sehr dünnes Eis, das!)

Aber es ist auch die Aufgabe des neuen Halters. Denn diese Phase ist keine mit festen Daten versehene Phase, sondern bewegt sich um diesen Zeitraum herum. Es gibt durchaus Spätentwickler, die erst nach 15 oder 20 Wochen, oder sogar noch später, ans Ende ihrer Sozialisierungsphase kommen.

Auch darüber hinaus lernt der Hund beständig neues Sozialverhalten. Er tut sich nur immer schwerer damit, bereits gewohntes Verhalten abzulegen und es gegen besseres Verhalten zu ersetzen...

Du hast ein Puber-Tier? Dein Hund ist in der Pubertät? Das könnte scheinbar dominantes Verhalten erklären. Die Lösung? Abwarten! Das geht von allein weg.

Ursache: Medizinische Gründe

Medizinische Gründe für dominantes Verhalten können gegebenenfalls beim Tierarzt geprüft bzw. ausgeschlossen werden. Dazu zählen unter anderem chronische Schmerzen, Schilddrüsenfehlfunktionen und - natürlich - Testosteron-Schwankungen.

Insofern ist das, was man für "Dominanz" hält, in Wahrheit vielleicht einfach "nur Reizbarkeit". Wie gesagt: Dein Tierarzt kann es herausfinden.

Immer in Betracht ziehen! Wenn du falsche Erziehung als einzige Ursache mit Sicherheit ausschließt, dann ist der Tierarzt-Besuch der nächste Punkt auf deiner Liste.

Seltenste Ursache: Genetische Prädisposition

Das ist der mit Abstand seltenste Grund: Einige Hunde haben auch eine genetische Vorprägung zur Dominanz. Doch sachte! Die Natur braucht nicht viele Anführer; deshalb ist die genetische Vorprägung auch eine eher seltene Ausnahme.

Richtig ist aber: Gerade Rassen, die nicht so enge Bindungen zum Menschen aufbauen; und Rassen, die eher zur Aggression neigen, sind der Dominanz gegenüber erheblich intoleranter.